Montag, 27. Juni 2016

Das Real-Life-Schreibabenteuer oder Jens van der Kreets wundersame Reise mit der Deutschen Bahn durch das Rheinland

Dies ist eine Geschichte, die beweist, dass man, um Abenteuer zu erleben, nicht unbedingt ins Ausland fahren muss. Abenteuer kann man auch in Deutschland erleben. Die Voraussetzung ist, dass man mit der Bahn fährt. Dann sind Überraschungen garantiert. Ich erlebte eine solches Abenteuer, ein Schreibabenteuer gewissermaßen. Doch dazu später mehr.

Der Reihe nach: Der 25. Juni 2016 begann mit einem lauten Schrillen, von dem ich nichts hören wollte: Der Wecker. Müde quälte ich mich aus dem Bett, doch ich wusste, es würde sich lohnen. Denn ich wollte unbedingt um 13 Uhr beim Schreibnacht Treffen im Café Goldmund in Köln sein. Bei der Schreibnacht handelt es sich um eine Gruppe junger ambitionierter Schriftsteller, die sich gegenseitig motivieren und unterstützen.

Ich ließ meine Jacke zuhause. Das Wetter war ganz nett, dachte ich und viel muss ich auch nicht laufen, es wird ja nicht gleich dann regnen, wenn ich vom S-Bahnhof Ehrenfeld zum Café Goldmund, das nur wenige Schritte vom S-Bahnhof entfernt liegt, laufen muss. So humpelte ich los (ich hatte mir den Fuß angeschlagen).

Ich erwarb ein Wochenendticket für 18 Euro (22 Euro waren als Entschädigung für die letzte Verspätung als Rabatt mit drin) und fuhr nach Köln-Ehrenfeld. Alle Züge waren pünktlich. Als ich ausstieg, regnete es nicht nur in Strömen, sondern ich hatte auch noch den falschen Ausgang genommen. So dauerte das Ankommen im Café 15 Minuten, die ich durch den prasselnden Regen humpelnd hinter mich brachte.

Die fünf Stunden, die ich mit meinen Kolleginnen verbrachten, waren wie immer sehr angenehm und inspirierend, ich freute mich, gleich drei Kolleginnen neu kennen zu lernen und zwei erneut treffen zu können. Diesmal haben wir eine Aufgabe zu erledigen gehabt. Wir sollten aus dem Stegreif eine Kurzgeschichte schreiben. Ich liebe solche verzwickten Aufgaben und ich fand’s schön, dass da tatsächlich was Spannendes aus der Feder geflossen ist. Solche gemeinsamen Schreibstunden würde ich gerne viel häufiger erleben.

Um neunzehn Uhr war ich am Hauptbahnhof bereit zur Heimreise, die um diese Zeit eigentlich kein Problem sein sollte. Leider hatte mein Zug 20 Minuten Verspätung. Nichts besonderes. Bahn halt. Ich ging zurück in die Kollonaden und trank noch ein Kölsch. Dann wieder hoch zum Gleis. Aus den 20 Minuten waren 40 geworden. Dann nehme ich halt den nächsten Anschluss in Koblenz, dachte ich mir.

Als die Verspätung auf 70 Minuten angeschwollen war, bekam ich es mit der Panik. Würde ich den letzten Zug von Koblenz nach Saarbrücken erwischen können? Ich ging zur Information und beschwerte mich. Ich wollte, dass mir die Bahn in Köln eine Unterkunft bezahlt. Die Dame an der Information beschwor mich, den bald eintreffenden Zug, dessen Verspätung nun 80 Minuten betrug zu nehmen, da ich den letzten Anschlusszug nach Saarbrücken definitiv bekommen würde.
Der Zug nach Saarbrücken fuhr pünktlich. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich am Bahnhof von Andernach. In Koblenz erneut zur Information.
„Sie kriegen einen Taxigutschein ab Trier!“
„Ich will ein Hotelzimmer“, entgegnete ich. Ich hatte so ein Gefühl.

Letzten Endes saß die Frau an der Theke am längeren Hebel. Nachdem ich mich mit einem letzten Bier gestärkt hatte, saß ich im Regionalexpress nach Trier. In Trier angekommen, liefen mir ohne Ende alkoholisierte Menschen am Bahnhof über den Weg. Was geht hier ab? denke ich. Auf dem Bahnhofsvorplatz sehe ich jede Menge Menschen, Autos, Busse.

Taxis? Fehlanzeige.

Zwei arrogante Tussis mit hochhackigen Schuhen, die in meinem Zug neben mir saßen, standen da und warteten. Ein großmäuliger Schaffner wollte für sie heldenhaft ein Taxi ergattern. Es war bloß keines da.
„Ist hier heute eine besondere Veranstaltung?“ sagte ich.
„Stadtfest!“
Und ich nur so: „Oh je!“

Irgendwann gelang es dem Superhelden von Schaffner, ein herbeikommendes Taxi aus den gierigen Klauen zweier Passanten zu entwenden. Wir stiegen alle ein. Die Mädchen, die sich beharrlich weigerten, mich zu duzen, obwohl ich später für die Überfahrt in die Altstadt zahlte (Hallo Nice Guy!) stiegen an einer Disko aus. Ich verließ das Taxi am Viehmarkt. Auf meine Frage, ob es einen Taxifahrer gäbe, der mich nach Saarbrücken bringt, meinte die Fahrerin „Auf gar keinen Fall. Heute geht hier gar nix.“

Wenn dir das Leben Wodka gibt, mach Bowle daraus, denke ich, irgendeinen Grund musste es geben, weshalb mich das Schicksal heute Nacht ausgerechnet auf das Trierer Stadtfest geführt hat. Ich fand mich also am Bowle-Stand wieder und begann, mich zu betrinken.

Nach und nach sah ich, dass um mich herum lauter Alkoholisierte waren, mit Ausnahme der zahlreichen hübschen jungen Damen, die ich anquatschte und die alle nüchtern genug waren, sich schnellstmöglich von mir wegzudrehen. Ich lernte die Trierer Getränkekultur kennen. Das Bier ist das widerlichste, was es in Deutschland gibt, aber dafür gibt es eine vielfältige Wein- und Apfelweinkultur.

Dieser floss dann auch schön. Irgendwann kippte der Mann am Weintresen um, fiel gegen mein kaputtes Bein und rutschte zur Erde. Ich ließ ihn liegen. Ich wusste, fünf Minuten Schlaf und der Mann ist wieder fit. Andere Passanten wollten den Krankenwagen rufen, doch ich behielt recht.

Gerüchten zufolge gab es irgendwo einen Taxistand. Gegen 3.30 Uhr machte ich mich auf, um ihn zu suchen. Ein Taxifahrer kam mir entgegen, doch zwei andere Passanten waren schneller. Ich fragte den Fahrer nach einem Taxistand. Was er geantwortet hatte, wusste ich nicht mehr. Ich habe dann vor einem vielfrequentierten Lokal einen weiteren Fahrer nach der Nummer des Taxidienstes gefragt und mir noch ein Altbier gegönnt.

Ich werde die Nummer nie vergessen: 0651-48048. Der Taxiruf-Mitarbeiter sagte, wenn ich einen Gutschein von der Bahn hätte, hätte ich einen Anspruch. Er teilte mir die Nummer des Wagens mit, der mich nach Saarbrücken bringen würde. Das Taxi kam 5 Minuten später. Es war der Fahrer des ersten Taxis, der mir eine halbe Stunde vorher begegnet war, Sigi.

Munter plaudernd fuhren wir in meine Stadt. Um 5.30 Uhr stieg ich aus. Für die Fahrt, die 165 Euro gekostet hatte, habe ich drei Euro bezahlt: ein Sechstel des Wochenendtickets. Den Rest zahlte die Bahn als Strafe für ihre Verspätung. Die Zigaretten vergaß ich im Auto.

In Uhl’s Eck war noch Party. Ich kaufte mir ein letztes Bier und ging nach Hause.

Das Schreibabenteuer war zu Ende. Aber vergessen werde ich es so schnell nicht.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Vom Meisterdetektiv Jens van der Kreet

Wie alle Autoren lese ich, so oft es geht und an so vielen unterschiedlichen Orten, wie mir das möglich ist. Umso praktischer finde ich daher die Erfindung elektronischer Lesegeräte, die dafür sorgen, dass ich ganze Bibliotheken unterwegs lesen kann, ohne mein Billy in den ICE schleppen zu müssen.

Mit einem solchen Lesegerät war ich im Sommer 2014 unterwegs. Der Kindle befand sich in einer Stofftasche. Während ich Luft in meine Reifen pumpte, stellte ich die Tasche auf einer der Vorrichtungen dort ab. Als ich mit Pumpen fertig war, vergaß ich das gute Stück. Ein paar Minuten später fiel mir auf, das etwas fehlte. Ich radelte zurück, doch die Tasche war weg.

Zum Glück verfügen Tankstellen über Kameras. Der Täter wurde identifiziert und ich wurde geldmäßig entschädigt.

Im Sommer 2015 vergaß ich mein Kindle im Zug auf Höhe des Berliner Hauptbahnhofes. Das Fundbüro der Bahn hatte ihn nicht gefunden. Dafür merkte ich schnell, das das Gerät aus meiner Geräteverwaltung beim Online-Versandhändler gelöscht worden war.

Ein Anruf bei diesem Versandhändler brachte heiße Info: Eine fremde Person hatte sich mit meinem Gerät angemeldet. Ich ging mit dem Namen zur Polizei. Heute erhalte ich Post, dass gegen diese Person ermittelt wird.

Also Leute, lernt daraus: Technische Geräte wissen alles über euch. Insbesondere, wenn ihr euch online damit anmeldet.

Privatdetektiv Jens van der Kreet ist zufrieden. Er hat zwei Fälle gelöst. Der Autor Jens van der Kreet ist auch zufrieden, denn er hat neuen Stoff für einen neuen Krimi ("Das Sorgen-Kindle" oder so...)

Montag, 11. Januar 2016

Outro

Wenn früher in der Tagesschau Todesmeldungen verlesen wurden, hat man sich oft an den Kopf gefasst. Der Nachrichtensprecher verkündet mit Grabesstimme und entsetzter Mimik knochentrocken: "Karl Ranseyer ist tot." Man kann den Schockmoment spüren, wenn er mit gebrochener Stimme weiterredet: "Der weltweit anerkannte Pianist bespielte seit 1903 sämtliche Konzertsäle. Er wird uns noch lange in Erinnerung bleiben."

Zu Schwarz-Weiß-Bildern ertönt unerträgliches Klaviergeklimper, ehe es zur Wettermeldung weiter geht. Kein Mensch kannte Karl Ranseyer, und hörte man diese grässliche Musik, war man auch froh darüber. Warum in aller Welt wurde dieser Nachruf verlesen, wenn doch kein Mensch den Verstorbenen kannte, kennen konnte oder kennen wollte?

Für meine Generation änderte sich diese Wahrnehmung televisionärer Todesmeldungen, als 1991 Freddy Mercury starb, Sänger einer Band, von der selbst ich als 15-Jähriger selbst gekaufte Schallplatten (aus Vinyl!) im Schrank stehen hatte, ein Mann, dessen Songs wir auf Partys gesungen haben, dessen Musik für mich und meine Kumpels allgegenwärtig war. Die Jugendgeneration vor uns kennt das Gefühl vom Tag des Mordes an John Lennon.

Nun ist es wieder soweit. In immer kürzeren Abständen segnen Helden unserer Jugend das Zeitliche. Zunächst Lemmy von Motörhead, jetzt David Bowie. Eine Künstlergeneration, die nie in Rente gegangen ist, die buchstäblich bis zum Tode auf der Bühne stand und in den Studios an immer neuen Platten werkelte. Eine Generation von Musikern, die nie alt zu werden schienen.

Jede Partitüde geht irgendwann zu Ende. Auch die, die ewig jung zu blieben schienen, auch wenn sie das für Popmusiker so gefährliche 27. Lebensjahr überlebt haben, müssen irgendwann von der Bühne abtreten.

Doch mit der neuen Technik ist es für uns möglich, eine Zugabe zu bekommen. In den Streamingportalen ist ihre Musik noch da.

Nehmen wir den Tod bekannter Künstler zum Anlass, uns ihr Werk nochmal anzuhören.

Samstag, 9. Januar 2016

Es begab sich aber

Und es begab sich aber, dass Terrorbanden in ein Land marschierten, dort mit äußerster Brutalität zuwege gingen und Städte und ihre Menschen in ihre Gewalt brachten. Die Regierung reagierte mit Bombenabwürfen. Heute sind die Städte zerstört, und die Überlebenden versuchen mit aller Kraft, ihre Haut zu retten und sich in Sicherheit zu bringen.

Eines der wenigen Aufnahmeländer für Flüchtlinge sind wir. Wir haben eine starke, erprobte Infrastruktur bei der Integration von Flüchtlingen, wir haben Arbeitskräftebedarf - noch immer - trotz aller Wirtschaftskrisen, und wir haben die Willkommenskultur. Diese Willkommenskultur, die 2015 am Münchner Hauptbahnhof so sympathisch zelebriert wurde, dass es um die Welt ging und unser Land in einem freundlichen Licht zeigte, ist keine Erfindung linksgrüner Gutmenschen.

Sondern eine Erfindung der Herren (und einer Dame), die nach dem Krieg angetreten waren, dem Nachfolgestaat des Deutschen Reiches eine Verfassung zu geben: Dem Parlamentarischen Rat zu Bonn. Seit 1949 genießen politisch Verfolgte Asylrecht in (zunächst) Westdeutschland. Ganz nebenbei sind wir als Bundesrepublik auch noch der Genfer Flüchtlingskonvention verpflichtet.

Jetzt hat diese Willkommenskultur als Werbung für unser Land so gut funktioniert, dass nicht nur Menschen, deren Häuser abgebrannt, deren Frauen bedroht, deren Söhne ermordet und deren Töchter geschändet wurden, zu uns kommen, sondern auch jene, die es nicht geschafft haben, sich im rauen Klima des Maghreb oder anderer Gegenden der Welt eine sinnvolle Existenz zu ermöglichen.

Menschen, deren primitive Triebe mit den Verhaltensregeln in unserer Gesellschaft nicht konform gehen. Das ist eine neue, etwas unerwartete, sehr unangenehme Bedrohung für unser Land und unsere Gesellschaft.

Was ist nun zu tun?

Barrieren für Flüchtlinge bauen? Flüchtlinge zurück in ihr Heimatland schicken? - Nein.
Warum nicht? - Siehe oben: Genfer Konvention.

Es mag simpel klingen, aber mein Lösungsvorschlag ist: Mehr Polizei!

Jetzt sagt sicher der eine oder andere, der das liest: Du als Linker bist für mehr Polizei? Ich sage ja, denn wozu ist die Polizei denn da? Mädchen und Frauen trauen sich nicht mehr auf öffentliche Plätze, weil sie sich in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher fühlen. Es ist doch die originäre Aufgabe der Polizei, die Sicherheit der Menschen im eigenen Land zu gewährleisten. Und wenn es nun wegen der offeneren Grenzen und der freundlicheren Aufnahme von Asylbewerbern mehr Kriminelle gibt, die sich nicht scheuen, Frauen sexuell zu belästigen und unter Druck zu setzen, dann brauchen wir mehr Polizei.

Mit der Polizei ist es wie mit allem: Die richtige Dosis macht es. In NRW haben wir zu wenige Polizisten, in Bayern sind es manchmal zu viele. Wenn Polizisten sich langweilen, können sie schon mal unbescholtenen Bürgern auf die Nerven gehen. Aber diese Gefahr besteht in den meisten Bundesländern nicht, weil die Polizei wie alle öffentlichen Organe chronisch unterfinanziert ist! Genauso wie man jetzt aufgrund der Flüchtlingsthematik beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, in den Jobcentern, in den Schulen und in der Sozialarbeit Personal aufstockt, muss das auch bei der Polizei gemacht werden.

Mehr Ausgaben für den Staat von meinen Steuergeldern? Und alles wegen der Flüchtlinge?

Die Aufnahme der Flüchtlinge in unser Land ist mittel- bis langfristig gesehen tatsächlich in den meisten Fällen eine Investition in unser Land. Ich arbeite täglich mit Flüchtlingen und kann (inoffiziell) berichten, dass die meisten von ihnen sich an Regeln halten, gewillt sind, schnell Deutsch zu lernen und am Arbeitsmarkt gut eingegliedert werden können. Die werden ihre Steuern bezahlen und zum Bruttosozialprodukt beitragen. Am Ende sind die Investitionen zurückgezahlt. So funktioniert Volkswirtschaft.

Nehmen die mir den Job weg?

Nein, bei gleicher Eignung werden meist Einheimische bevorzugt. Daran hat sich nichts geändert.

Ich teile nicht den Optimismus, dass die Flüchtlinge dazu beitragen werden, unsere demografischen Probleme zu lösen (dafür ist der Frauenanteil zu gering). Um das dennoch zu gewährleisten, dürfte man auf keinen Fall den Familiennachzug einschränken.

Letzteres ist ein Beispiel, wie viel eine Politik falsch machen kann, die nur auf die Ängste der Wahlbevölkerung setzt. Natürlich kann die Politik in der jetzigen Situation - nach Köln - den Menschen ihre Ängste nicht nehmen. Das ist das Fatale momentan - aus diesem Grund (und wegen des Nord-Süd-Konfliktes in Europa) fürchte ich, dass wir in den kommenden 15 Jahren einen politischen Rechtsruck erleben werden, den es nach dem Krieg bei uns noch nicht gegeben hat. Und dann werden noch viele weitere Beschlüsse gefasst, die in die falsche Richtung gehen und noch mehr Angst und Gewalt hervorrufen werden. So würde zum Beispiel eine Kürzung der Sozialleistungen sicherlich zu einem Anstieg der Kriminalität führen.

Der Rechtsruck, den ich prognostiziere, wird zunächst zu einem Erstarken der Mitte-Links-Kräfte führen, weil nach der Logik des deutschen Parteiensystems die CDU ihre Bündnisfähigkeit verlieren wird. Ich hoffe, die noch mehrheitsfähigen Parteien werden das Notwendige tun, ohne die Hysterie im Land weiter anzuheizen.

Den Kriminellen von Köln wünsche ich übrigens, dass sie gefasst und verurteilt werden. Und den rechtschaffenen Menschen im Land wünsche ich, dass ihr angstfrei durchs Leben und durch dieses Land geht. Ja, auch die Frauen.

Europäerinnen in Burkas will ich auf unseren Straßen nicht sehen.

Freitag, 2. Oktober 2015

Naturfreunde

Der sogenannte Urwald vor der Stadt mit dem Naturfreundehaus ist ein beliebter Erholungsort.

Wie es im Saarland nun mal üblich ist, besucht man diesen Ort nicht mit der Straßenbahn, die hier eine eigene Haltestelle hat, sondern - wie sollte es anders sein - mit dem Auto. Weil nun auch der anliegende Friedhof für viele ältere Bewohner der Stadt so schwierig zu erreichen ist, wimmelt es auf der Autobahn... äh, dem Waldweg von Kirschheck bis Friedwald an sonnigen Tagen nur so vor Autos.

Und das sogenannte Naturreservat wird zum vielbefahrenen Autobahnzubringer, dem Wanderer (die Strecke gehört zum Jakobsweg) nur mit Glück ausweichen können.

Radfahren ist im Urwald Saarbrücken übrigens verboten.

Crossposting von "Radfahren in Saarbrücken", Facebook.

Samstag, 5. September 2015

Schrei nach Liebe

Ich weiß es noch, als sei es gestern gewesen.

Im Sommer 1988 hatte sich meine damalige (und heutige) Lieblingsband „Die Ärzte“ nach einem Abschlusskonzert auf Sylt getrennt und voraussichtlich für immer aus dem Staub gemacht. Meine Trauer war riesig. Obwohl die Zeit der Band genau wie meine Kindheit abgelaufen war, hörte ich die Ärzte weiterhin ständig und machte ihre Live-LP von eben diesem letzten Konzert gemeinsam mit Klassenkameraden zum Soundtrack für die anstehende einwöchige Klassenfahrt nach Mittelfrankreich, wo dann auf einer gemeinsamen Party mit den französischen Austauschstudenten in der Schulmensa Ärzte-Songs gegrölt wurden.

Die Jahre vergingen, auf eine Hardrock-Welle folgte die Grunge-Ära um Kurt Cobain, aus Kindheit wurde Jugend. Nur eine Angewohnheit behielt ich bei: Woche für Woche verfolgte ich die deutschen Charts bei Europawelle Saar. Aus der Top 75 war eine Top 100 geworden, dank neuer Berechnungsformen konnten Songs jetzt von Null auf Eins einsteigen, doch immer noch blieb ich am Radio und schrieb mit. Und immer war da die Hoffnung im Hinterkopf, es könne irgendwann ein Wunder geschehen und meine Lieblingsband aus der Versenkung auftauchen.

Das Wunder geschah ziemlich genau vor 22 Jahren, im September 1993. Ich weiß es noch, als es sei es gestern gewesen. Der Moderator, der unverwüstliche und immer noch aktive Dieter Exter, kündigte den neuen Song der Ärzte an! Ich war aus dem Häuschen und hörte mir das Lied an. Ich konnte es nicht fassen. Da wartet man so lange und erwartet eigentlich nicht mehr viel, und dann gleich so ein Hammer! Eine Minute später stand ich moshend und headbangend bei mir im Zimmer und ließ die Bässe in mein Herz.

Ich war ein sehr politischer Mensch. Politik war mir in die Wege gelegt. Zu Hause wurde sozialdemokratisch gesprochen, und so war mir die Peinlichkeit nicht entgangen, dass die SPD die Ausschreitungen gegen Asylbewerberunterkünfte in Ostdeutschland zum Anlass nahm, das Grundgesetz bei der Gewährung von Asyl zu verschärfen (!) und damit den rechten Ausländerfeinden (heute würde man sagen: -kritikern) zusätzlich Wind unter den Segeln zu verleihen. Günter Grass nahm diese Angelegenheit als Anlass, aus der Partei auszutreten.

Umso geiler fand ich es, dass sich Bela, Farin und Rod trauten, ihren Comeback-Song nach 5 langen Jahren dazu zu verwenden, Stellung zu beziehen. Und dies auch noch auf eine sehr kluge, psychoanalytisch geprägte Art und Weise. Und nebenbei ein Klangerlebnis zu verschaffen, das es in sich hatte. Natürlich konnte ich das Erscheinen des Albums „Die Bestie in Menschengestalt“ kaum erwarten.

Ich habe seit diesem Zeitpunkt vier Konzerte der Ärzte besucht, zwei davon mit meiner ehemaligen Lebensgefährtin, die auch Ärzte-Fan war, und immer wenn „Schrei nach Liebe“ gespielt wird, macht es eine unglaubliche Freude, mal aus lauter Kehle auszurufen, was man sonst ständig denkt: „O-o-o-Arschloch!“

22 Jahre später ist das Lied in aller Munde, weil es seitdem noch kein besseres oder mitreißenderes Lied gegeben hat, das für Toleranz und gegen engstirnige Ablehnung von Menschen aus anderen Ländern auffordert.

Die Aktion Arschloch hat dazu aufgerufen, den Song zu kaufen, damit er erneut in die Charts kommt. Die Ärzte spenden den Erlös dem Hilfswerk Pro Asyl. Wer ihn noch nicht hat, sollte ihn erwerben. Denn dieser Song rockt heute noch genauso, als wäre er erst gestern erschienen.


Sonntag, 9. August 2015

Haben oder Sein

Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm hat postuliert, dass es zwei Existenzmotivationen gebe, von denen wir leider der ungesünderen den Vorzug geben: Haben oder Sein.

Wer Haben-orientiert ist, strebt Wohlstand und Sicherheit an, wer zum Sein neigt, möchte sich selber finden und treu bleiben.

Ich habe heute gelernt, was Sein auch heißen kann: Bei neuen Kontakten, die man beim Reisen erhält, nicht zwanghaft Nummern austauschen müssen. Denn der Weg ist das Ziel. Wenn der Kontakt auch noch so angenehm ist, wird er bleiben, auch wenn es keine weitere Kommunikation zwischen den Menschen mehr gibt.

So habe ich heute und gestern sehr viele neue Leute kennen gelernt, von denen ich zum Teil nicht mal ihren Namen kenne. Aber ich weiß, was sie mögen, was sie studiert haben, wo sie wohnen, wohin sie gereist sind.

Aber zwanghaft "was starten" ist nicht immer das Wichtige im Leben.

Sonntag, 28. Juni 2015

Liebster Blog Award - 10 Fragen - 10 Antworten

Meine Münchner Blogger- und Hobbyschriftsteller-Kollegin Hanna Mandrello hat mich für den Liebster Blog Award nominiert. Sie hat mir 10 Fragen gestellt, die ich hier beantworten möchte. Neue Nominierungen finden nicht statt, da ich in der Online-Community nicht sonderlich gut vernetzt bin. Ich habe ehrlich geantwortet. Der eine wird damit ein Problem haben, der andere sich köstlich unterhalten fühlen.

Die Fragen - die Antworten:
  • Eine Fee erscheint dir nachts im Traum und du darfst dir eine persönliche Fähigkeit wünschen, die du nach dem Aufwachen für immer haben wirst. Welche würdest du nehmen und was willst du damit anstellen?

Schlagfertigkeit. Hilft immer.

  • Du sitzt früh morgens zusammen mit einem Mann in der U-Bahn, der genau das Buch liest, das du auch unbedingt lesen willst, aber noch nicht gekauft hast. Als er aussteigen will, steckt er es außen in seine Aktenmappe, verliert das Buch aber, weil er es nicht richtig in die Tasche gesteckt hat. Das Buch liegt vor dir auf dem Boden. Niemand anderes sieht es, auch der Mann nicht, der noch an der Tür steht und wartet, dass die U-Bahn hält. Was würdest du tun?

Ich geb’s ihm zurück. Mann, wenn das Buch so gut ist, dann muss man dafür sorgen, dass es gelesen wird. Ich kaufe mir gerne ein eigenes Exemplar.

  • Jemand will dir etwas schenken. Du hast die Wahl zwischen einem Kindle und einem absolut noblem Edel-Füllfederhalter. Wofür würdest du dich entscheiden und warum?

Kindle. Die Dinger gehen schnell mal verloren oder kaputt. Es schadet nicht, ein Exemplar mehr zu besitzen.

  • Stephen King bittet dich auf ein Abendessen zu sich und seiner Frau nachhause. Was ziehst du an, was nimmst du als Geschenk mit?

Ich weiß, dass Steve wenig Wert auf Etikette legt. Ich ziehe mich bequem an und bringe eine kleine Sammlung mit den besten ins Englische übersetzten zeitgenössischen deutschen Romanen mit.

  • Wegen einer ansteckenden Krankheit, gegen die es noch kein Mittel gibt, wirst du vermutlich ein Jahr allein auf einer Insel verbringen. Du darfst nur eine kleine Sporttasche mit Dingen zu deinem Zeitvertreib mitnehmen. Es gibt auf der Insel weder Handynetz noch WLan. Was wäre in deiner Tasche und was planst du für die Zeit?

Wenn es Strom gibt, nehme ich mein Laptop mit, ansonsten die Erika Schreibmaschine und extra viel Papier, um meine Gedanken zu ordnen und in Form zu bringen. Der Kindle und ein paar Bücher dürfen auch nicht fehlen. Darüberhinaus kann ich mich wunderbar mit mir selbst beschäftigen, das Jahr geht schnell vorüber.

  • Dein Partner stellt dich vor die Wahl. Entweder er/sie oder das Schreiben. Wie reagierst du?

Und tschüss.

  • Du hast eine Kurzgeschichte geschrieben, die du unglaublich toll findest. Aber alle um dich herum finden sie ganz furchtbar. Ändert das deine Einstellung zu deiner Geschichte?

Ich habe zwei Romane geschrieben, die auch Kritik ausgelöst haben. Ich freue mich darüber, denn Literatur ist nicht unbedingt dazu da, Harmonie zu erzeugen. Auch wenn es so was wie Konsensromane gibt („Der Geschmack von Apfelkernen“), halte ich Literatur nur dann für gelungen, wenn sie Diskussionen erzeugt.

  • Was gibt dir das Schreiben und/oder Bloggen?

Ich bin dem Schreiben unendlich dankbar, dass ich damit meine Grübeleien einer produktiven Tätigkeit zuführen konnte.

  • Mit welchem zeitgenössischen Schriftsteller würdest du dich gern im Café treffen und mal ausgiebig über sein letztes Buch und seine Arbeit plaudern?

Nachdem Steve King mich ja bereits unter Punkt 4 zu sich nach Hause eingeladen hat, nehme ich mir als Nächstes Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen vor. Ferner gehören Ralf Rothmann und Wilhelm Genazino zu den Leuten, mit denen ich gerne mal einen Kaffee trinken gehen möchte. Damit die Runde nicht allzusehr in eine Burschenschaft ausartet, nehmen wir noch Valentina d’Urbano und Alina Bronski als weibliche Teilnehmerinnen hinzu.

  • Heute in fünf Jahren. Was hast du dann in Sachen Schreiben und Veröffentlichen erreicht?

Wenn ich dann noch so viel Spaß daran habe wie heute, habe ich viel erreicht. Ich würde gerne meinen Ausstoß steigern und gerne mal einen kommerziellen Roman schreiben, der Geld erwirtschaftet. Aber mein Zeitkontingent ist leider endlich.



Das war's.

An dieser Stelle danke ich den vielen Fans, die im Rahmen der Gratisaktion bei „Der Mann mit der Säge“ zugegriffen haben. Es wird zum Semesterbeginn eine Gratisaktion zu „Habichthorst“ geben. Termin vormerken.

Danke fürs "Zuhören".

Danke, Hanna, für die Fragen.

Donnerstag, 4. Juni 2015

Warum die Autos immer dicker werden

Ich hatte in der Vergangenheit und auch aktuell bei Interviews im Radio nie verhehlt, dass ich die hiesige Autogeilheit ein bisschen extrem finde.

Fahrzeuge, Fußball, Fernsehen (manchmal auch alles zusammen, wie letzten Samstag der Gewinn des Volkswagen-Pokals durch den Volkswagenfußballklub, live in der ARD) bilden meiner Meinung nach eine Phalanx, die die Arbeitnehmer in Deutschland stillhalten soll.

Ich frage mich in letzter Zeit, warum die Autos immer riesiger und "sportlicher", kurz: immer unnütz höherwertiger werden. Der niedrige Zinssatz erklärt es zwar (in Spanien und USA hat man die Finanzblase mit Immobilienkrediten angefacht, bei den Deutschen muss man mit Autos locken), aber glauben tue ich daran nicht. Weil die Deutschen sehr sparsame und zweckverbundene Menschen sind.

Da ist noch was anderes, ich spüre es.

Meine Theorie ist: Die Deutschen haben gelernt, dass ihre irrsinnige Schufterei, die viele Opfer kostet, unter anderem nervliche, nur Sinn macht, wenn man sich im Gegenzug mit einer Erhöhung der Lebensqualität belohnt. Nun war es seit 1886 Konsens, dass teure, schöne Autos die Lebensqualität der Menschen erhöhen. So muss es doch weiter gehen.

Oder?

Die Menschen versuchen es momentan, sie kaufen immer größere, immer breitere, immer lautere Autos mit dem Nullzinssatz, um nochmal das Gefühl zu erleben, was man früher hatte, wenn man hart gearbeitet hat: Alles wird besser.

Aber wie lange noch?

Samstag, 21. März 2015

Bürgerforum

Ich war heute auf dem Bürgerforum zum Verkehrsentwicklungsplan.

Ich muss sagen, die Veranstaltung hat mich meiner Stadt näher gebracht, denn ich erlebte, dass die anderen Bürger und insbesondere die Stadtverwaltung eine ähnliche Meinung vertreten wie ich und dass es nur wenige Menschen in der Stadt gibt, die davor warnen, "das Auto zu verteufeln" und die auf dem Status Quo bestehen, der in der Stadt Saarbrücken heißt: Vorfahrt für das Auto und alle anderen aus dem Weg!

Die Zeichen stehen auf Veränderung, und der Veränderungsdruck ist groß. Denn schließlich sind heute Stadtplanungskonzepte gefragt, die nach Vorbild der Kopenhagener Schule den Vorrang des Stadtverkehrs dem Menschen geben, der sich innerhalb der Stadt bewegt, und nicht dem, der in einem rollenden Kasten am Rest der Stadt vorbeifährt.

Carsharing, Bikesharing, ein Rückbau von Parkplätzen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Gesundheitsschutz, Neubau und Verbesserungen des öffentlichen Nahverkehrs, Fahrradbahnen, Fußgängerzonen und Freitreppen - das sind die Zutaten einer lebenswerten Stadt, in der sich nach der Philosophie des dänischen Architekten Jan Gehl Kinder und Senioren gerne aufhalten.

Eine Stadt attraktiv für Einkaufstouristen aus dem Umland zu machen, indem wir sie mit ihren Karren in die Stadt locken, heißt im gleichen Maße, dass wir Menschen, die in der Stadt wohnen wollen, verjagen werden. Die Stadt - und mit ihr die fahrradbegeisterte Oberbürgermeisterin Charlotte Britz - muss zu ihrem Ziel stehen, auch dann, wenn der Gegenwind kommt, wie zuletzt bei der Wilhelm-Heinrich-Brücke, die auf zwei Autospuren reduziert werden sollte.

Ich bin zuversichtlich, dass unsere Philosophie sich durchsetzt, denn trotz aller Autolobby in Deutschland kann der Trend zur menschengerechten Stadt, der den Rest der Welt erfasst hat, in Deutschland nicht ewig ignoriert werden.

Sonntag, 25. Januar 2015

Besuch bei Max Ophüls

Eine der Schokoladenseiten an Saarbrücken ist das Max-Ophüls-Festival. Jahr für Jahr müssen sich angehende Filmschaffende, die noch vor ihrer Karriere stehen, hier bei uns vor Ort beweisen.

Saarbrücken ist ein guter Ort, die überschaubare Größe der Stadt passt zum Level, auf dem sich die Karriere der meisten Filmschaffenden, die Wettbewerbsbeiträge eingereicht haben, befindet. Man hat wegen der begrenzten Stätten, an denen Veranstaltungen stattfinden, als Künstler und Kunstmanager wunderbare Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, während sich in Berlin ja irgendwie alles verläuft.

Wir als Publikum freuen uns. Die Säle, in denen ich gesessen und auf den Film gewartet habe, waren proppevoll. Wo sonst füllen Arthouse-Streifen Multiplexhäuser?

Es schien beim diesjährigen Festival ein übergreifendes Thema zu geben: Gewalt im Zusammenhang mit Adoleszenz. Gewalt einer Jugendlichen an sich selber ("About a girl"), Gewalt von Erwachsenen und Gleichaltrigen an Jugendlichen ("Freistatt", "Chrieg"), Gewalt eines Abiturienten an seiner Klassenkameradin ("Das Hotelzimmer"), Gewalt einer heranwachsenden Frau an der gesamten Gesellschaft ("Die bleierne Zeit").

Diese fünf Filme habe ich mir angesehen. Ich fand sie allesamt genial umgesetzt, auch wenn mich speziell der Gewinnerbeitrag "Chrieg" aus der Schweiz rasend aggressiv gemacht hat. Dennoch Gratulation in die Eidgenossenschaft, auch an den noch jugendlichen Gewinner des Preises für Nachwuchsdarsteller Benjamin Lutzke. Es scheint mir eine üble Zukunftsvision, ein Bootcamp in den Bergen, in dem der aggressivste Jugendliche die Macht an sich reißt und eine Terrorbande gründet, der sich der Protagonist notgedrungen anschließt.

Besser organisiert war da schon die Diakonie "Freistatt", die in den Sechziger Jahren Jugendliche, die sonst keiner haben wollte, in einer Art Kinder-Arbeitslager gequält hat. Besonders berührend fand ich den Auftritt von Wolfgang Rosenkötter, auf dessen Erlebnisse der Film basierte.

Terror politischer Art bot der Vintage Streifen "Die bleierne Zeit" aus dem Jahr 1981. Ehrengast Margarethe von Trotta erinnerte sich an die Anfänge feministischen Schaffens im deutschen Filmgewerbe. Im Film geht es um die Schwester einer Attentäterin, die Gudrun Ensslin zum Verwechseln ähnlich sieht.

Im "Hotelzimmer" schließlich kocht ein Konflikt hoch, der über Jahre verdrängt war und an den sich niemand so richtig erinnern kann. Zwei Stunden haben die beiden Protagonisten Zeit, in diesem engen Raum ihr Verhältnis zueinander zu klären.

"About a girl" schließlich entpuppt sich als harmloses, aber höchst unterhaltsames Coming-of-Age-Spektakel, bei dem der Suizidversuch der Protagonistin fast der einzige Einbruch von Tragik bleibt. Ein Film, der mit der Realität letztlich versöhnt und sehr viel Spaß gemacht hat. Auch in diesem Jahr wieder eine grandiose Leistung von Jasna Fritzi Bauer, die vor 2 Jahren für "Scherbenpark" den Nachwuchsdarstellerpreis erhalten hat.

Dass die Filme, die gezeigt werden, in der Regel verstören, damit muss man leben. Das ist die Aufgabe des Arthouse-Kinos.

Vielleicht noch ein Wort zum Erlebniswert des Max-Ophüls-Filmfestivals: Ich habe ja bekanntlich früher in Berlin gelebt. Dort ist ein wichtiges Filmfestival, die Berlinale, zuhause. Doch habe ich diese regelmäßig besucht, um mir die Filme anzusehen? Nein, denn von diesen Filmen werden früher oder später die meisten den Weg in reguläre Kinos schaffen. Um die neuesten Hits aus Hollywood zu sehen, brauche ich aber kein Festival.

Deshalb bin und bleibe ich der Meinung, dass das Max-Ophüls-Festival wesentlich attraktiver ist als größere Veranstaltungen dieser Art. Denn manchmal sind wir die Einzigen, die einen Film sehen können, der so niveauvoll ist, dass er schon bald in der Versenkung verschwindet. So schade es ist. Aber so ist der Markt. Und manche Perle des Films bleibt uns somit exklusiv als Erinnerung.

Ich freue mich schon jetzt auf die Perlen des nächsten Jahres.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Respekt!

Ich bin am Dienstag mit dem Rad durch Berlin gefahren. Nach Einbruch der Dunkelheit (so kurz vor dem Nordpol ist es momentan bereits um 16 Uhr soweit) bin ich den Weg von Rathaus Pankow nach Wedding-Nettelbeckplatz gefahren. Auf Höhe des Klosters in Pankow wurde ich fast von einem SUV (Geländeauto) umgemäht, der auf dem Bürgersteig parkte und herausfahren wollte. In Wedding wurde ich beim Versuch, abzubiegen, von einem Auto geschnitten und angehupt, im darauffolgenden Streckenabschnitt war der Radstreifen komplett zugeparkt. Was nicht nur mir, sondern auch den auf dem Fußgängerweg parkenden Autofahrern gegenüber unfair war. Brennende Zigaretten, die mir entgegengeschleudert wurden, signalisierten mir meine Erwünschtheit im Straßenverkehr einer deutschen Großstadt. Was fehlt, ist Respekt.

Ein paar hundert Kilometer südlich trafen sich ausgerechnet am Dresdner Hygiene-Museum 15.000 Menschen, um gegen Ausländer und Einwanderung zu demonstrieren. Die ganz normale Schäbigkeit des deutschen Spießertums wird wieder offensiv nach außen getragen. Politiker der beiden konservativsten Regierungsparteien beeilten sich sogleich, den protestierenden Wutbürgern in ihrem Furor zur Seite zu springen und sich ihnen anzubiedern. Dass die Arbeit mit neu ins Land kommenden Flüchtlingen anstrengend ist, ist das eine. Dass die Menschen Angst haben, eine Angst, die man nicht leicht begründen kann, ist das andere. Doch es geht nicht, seine nackte Angst und seine Wut gegen Menschen zu richten, die man nicht einmal kennt. Jeder Mensch besitzt Würde. Auch der Flüchtling. Was fehlt, ist Respekt.

Einige der Menschen, die mit der Unterstützung von Flüchtlingen betraut sind, arbeiten an Orten, die so unbeliebt sind, dass sie wenige qualifizierte Mitarbeiter anziehen. Orte, die als Arbeitsplatz verrufen sind. Die einen sagen, in solch einer menschenfeindlichen Anstalt möchte ich nicht arbeiten, die anderen sagen, mit Schmuddelkindern, wie diesen Flüchtlingen zum Beispiel, möchte ich nichts zu tun haben. Wenn wieder einer derjenigen, die an diesem undankbaren Orte ihren Dienst tun, erstochen wird, dann jubelt die Masse und bekundet Verständnis... für den Täter. Es jubeln die am Lautesten, die am Sichtbarsten gegen Nazis auf die Straße gehen. Für das Opfer hat niemand Verständnis. Hätte er/sie eben einen anständigen Job lernen sollen! Was fehlt, ist Respekt.

Euch allen ein wunderbares Weihnachtsfest, Chanukka, Wintersonnwende... oder wenigstens ein paar schöne, gemütliche Tage in der warmen Stube.