Freitag, 1. November 2013

Plötzlich und unerwartet

Eine der krassesten Unterschiede zwischen dem Leben in der Provinz und meinem früheren Leben in der Bundeshauptstadt ist, dass ich nun wieder verstärkt die Regionalzeitung meiner Heimat zur Hand nehme, die ich in Berlin zumeist ignoriert habe, auch wenn sie an Bahnhöfen wie Friedrichstraße oder Zoo selbstverständlich zu erhalten war.

Der wichtigste Grund, die Regionalzeitung meiner Heimat zu lesen, ist nicht der politische Scharfsinn, der aus diesem Blatt quillt, und auch nicht die neuesten Infos über den Stadtbezirk (Bezirksrätin X kündigt dies an, Oberbürgermeisterin Y kündigt jenes an, die Finanzierung ist jeweils unklar), den sportlichen Heldentaten des FC oder die genialsten neuen Entscheidungen der Landespolitik.

Es sind die Todesanzeigen.

Wenn man Todesanzeigen liest, fühlt man sich dreißig Jahre älter als wenn man dies nicht tut.
Wenn man in der Provinz lebt, liest man regelmäßig Todesanzeigen.

Die Quintessenz, dass man sich in der Provinz dreißig Jahre älter fühlt, ist nicht falsch, lassen wir hier aber mal außen vor. Warum lese ich hier Todesanzeigen?

In Berliner Zeitungen stehen kaum Todesanzeigen, die wenigsten Einwohner der Stadt haben ihre Wurzeln dort, viele sind nur auf Montage dort (wie die Abgeordneten des Bundestages) oder auf Zeit. Wenn die feurigen Jugendjahre vorbei sind, zieht es viele ins Reihenhäuschen am Rand eines Vorortes ihrer mittelgroßen Heimatstadt.

Hier hingegen leben die Schulfreunde, die Onkel, die Tanten und alle Bekannten und Anverwandten. Hier findet das ganze Leben statt.

Zum Leben gehört der Tod. Je älter man wird, desto mehr muss man aufpassen, dass er nicht zur Hauptsache im Leben wird.

Regelmäßige Leser von Todesanzeigen wissen: Die Einschläge rücken immer näher. Dieser Schulfreund ist tot und jener Cousin. Das Paradox ist, je präsenter die Gefahr wird, nicht mehr lange zu leben, umso besessener wird man vom Sterben.

So manche ältere Frau, die den ganzen Tag übers Sterben nachdenkt, tut dies seit dreißig Jahren. Die merkt gar nicht mehr, dass sie am Leben vorbeigelebt hat. Und das alles nur wegen dieser verflixten regionalen Zeitung mit ihren Todesanzeigen.

Es ist an der Zeit, sich dieses neue Hobby schnell wieder abzugewöhnen und das Zeitungsabo zu kündigen.

Plötzlich und unerwartet.


***

PS: Wer's nicht lassen kann, hier gibt's kreative Todesanzeigen zu bestaunen.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Der neue Mitbewohner

Sagt hallo zu meinem neuen Mitbewohner!


Die rechnerlose Zeit hat ein Ende! Endlich geht's wieder weiter, das Bloggen, das Schreiben, das Mitmachen im sozialen Netzwerk.

Meine Generation ist die erste, die mit Computern aufgewachsen ist. Wir haben einige Rechnermodelle und noch mehr Betriebssysteme ausprobiert, doch eines davon blieb stets unerreichbar. Der Apfel thronte über allem, doch niemand konnte sich einen solchen futuristischen Rechner je leisten.

Die Zeiten ändern sich, wie es in der Sexhotline-Werbung heißt. Als klar war, dass in der sogenannten "Ultrabook-Klasse" Geräte mit buntem blauem Betriebssystem genauso teuer sind wie das Mac Book Air, griff ich zu.

Ich gebe zu, es war im Saarland nicht leicht zu bekommen. Doch wozu gibt es das Internet? Ich bestellte beim selben Lieferanten, der mir schon mein altes Laptop von 2008 verkauft hat (das fünf Jahre mit Windows Vista gehalten hat und dann noch ein halbes Jahr mit Ubuntu). Dort bekam ich es sogar noch billiger als der Listenpreis. Was will man mehr?

Mich wundert schon lange, dass die meisten User sich dieses nervige Betriebssystem, das nur mit Virenkiller halbwegs sicher funktioniert, überhaupt antun. Es stellt jeden normalen Menschen auf eine Geduldsprobe.

Für jeden, dem sein Geld zu schade ist, um es für technischen Schnickschnack auszugeben, der aber andererseits auch nicht wie ich plant, mit den Erträgen seines kreativen Ausprobierens irgendwann mal Geld zu verdienen, dem kann ich weiterhin Ubuntu und andere Linux-Systeme ans Herz legen. Diese sind inzwischen so nutzerfreundlich wie Windows 7, die dafür verwendbare Software kann mit der kommerziellen gut mithalten. Aber Vorsicht: Auf diesen Systemen laufen nur Programme, für die kein Urheberrecht gilt!

Was ändert sich für die Leser meines Blogs? Mit neu ausgestattem Schreibgerät stelle ich in Aussicht, künftig auch mal Videopodcasts hier anzubieten. Dafür wurde eine interessante Software ab Werk mitgeliefert. Auch wird es vielleicht in naher Zukunft ein eBook von mir im Handel geben.

Und ich? Muss mich erstmal an das fehlende Rattern, Knattern und Brummen gewöhnen!

Dienstag, 27. August 2013

Die Bundesliga-Tabelle aus Sicht des Steuerzahlers

Je direkter und unmittelbarer Staatsgeld in die Sponsoren der Bundesliga-Clubs floss, umso höher stehen die von diesen Firmen gesponserten Klubs in der Tabelle.

Die Fußball-Bundesliga gilt als eine der besten Fußball-Spielklassen der Welt. Ich finde, dass sie eine unglaubliche Unterhaltung bietet. Aber, mir ist da etwas aufgefallen. Etwas Schönes, was uns Freude machen sollte: Ich habe herausgefunden, dass die Bundesliga uns allen gehört, weil wir sie finanziert und bezahlt haben. Wenn nicht wir, dann unsere Großeltern und Urgroßeltern. Und da sind Polizeieinsätze und kommunale Stadionfinanzierung nicht mal mit eingerechnet!

Schauen wir uns doch mal die Hauptsponsoren der Bundesliga an, in der Reihenfolge der Platzierung ihrer Clubs in der Tabelle. Es gelten die Platzierungen vom 2. Spieltag.

  1. BV Grubensubventionen Dortmund 09
    Jahrzehntelang bestand das wirtschaftliche Rückgrad des Ruhrgebiets und des Saarlandes darin, heimische Steinkohle auszugraben und damit zu heizen, Energie zu gewinnen und Eisenerz zu Stahl zu schmelzen. Wie es der Fortschritt wollte, lohnte sich dies irgendwann nicht mehr. Um zu vermeiden, irgendwann ganz ohne Energie dazustehen, beschloss die Bundesregierung, diesen Spaß, Kohle aus vielen hundert Metern nach oben zu befördern, kräftig zu subventionieren. Von Steuergeldern. Nachdem die Regierung ihre Subventionen eingestellt hatte, spaltete man die rentablen Teile der Ruhrkohle wie Wohnungen vom Gesamtkonzern ab - Evonik war geboren. Aus diesem Topf wird Borussia Dortmund gesponsert. Mit Erfolg, wie sich zeigt.

  2. FC Telefongebühr München
    Es gab eine Zeit ohne Handys. Junge Menschen werden sich nicht daran erinnern, aber es war so. Es gab etwas, was ihr Meedels und ihr Jungs das "Festnetz" nennt. Eine ganz große Telefonleitung, quer durch die gesamte Republik, bezahlt vom Steuerzahler. Die Bundespost stellte Netzanschlüsse zur Verfügung und man konnte sich ein Telefon dazu auswählen, eines von zwei Modellen. Lange her? Irgendwann ließ man auch andere Firmen Telefonanschlüsse verkaufen, aber die Oberhoheit behielt die Bundespost - und ihre Nachfolgeanstalt Deutsche Telekom. Die verdient mit dem vom Steuerzahler finanzierten Telefonnetz nicht schlecht - und ihr Club holte das Triple aus Champions League, Meisterschaft und Pokal.

  3. TSV Krankenkasse 04 Leverkusen
    Das deutsche Reich war erst wenige Jahre gegründet, da bekam der eiserne Reichskanzler Otto von Bismarck Muffensausen. Obwohl die Wählerstimmen der Arbeiter nur ein Drittel derer der Großbürger Wert waren, wurde ihre Vertretung, die SPD, diese terroristische Vereinigung, immer stärker. Sie und ihre Gewerkschaften riefen zu Arbeiteraufständen auf und zu Streiks. Um die Probleme zu entschärfen, gründete Bismarck die Krankenversicherung für Arbeiter, deren Beiträge gemeinsam von Arbeitern und ihren Chefs gezahlt wurden. Endlich keine Arztkosten mehr zahlen, wenn einem an der Maschine der Finger abgehackt wurde! Der Chemiekonzern Bayer im Rheinland nutzte die Chance und erfand allerlei Medikamente gegen Kopfweh ("Aspirin"), Magenschmerzen ("Alka-Seltzer") und schlechte Laune ("Heroin"). Einige davon werden heute noch recht großzügig von den Krankenkassen bezahlt.

  4. 1.FSV Energiewende 05 und 16. EEG Freiburg
    Hermann Scheer, als Träumer und Visionär, der zum Arzt gehen sollte, in der Seeheimer-SPD belächelt, hatte eine genaue Vorstellung von der Elektrizitätsgewinnung der Zukunft: Statt Rohstoffe aus dem Boden zu holen, die die Natur vor hunderten Millionen Jahren hinterlassen hatte (Öl, Erdgas, Steinkohle, Uran), nutzen wir doch einfach die Naturkräfte von heute, Sonnenenergie, Wind und Wasser. Er schlug ein System vor, mit dem Privatleute, die Energie für die Gemeinschaft gewinnen, Subventionen erhalten können. Kanzler Gerhard Schröder willigte überraschend ein. Er hielt es für ein Gesetz, dass keine Wirkung besitzt, aber ein schönes Symbol für die Wähler der Grünen darstellte. Damit setzte er, ohne es zu wollen, eine Revolution in Gang. Denn wenige Jahre später werden die Lieblinge der Ruhrgebiets-SPD (Kohlekraftwerke) und von Frau Merkel (Atomkraftwerke) nach und nach tatsächlich überflüssig. Denn die öffentliche Hand sorgt dafür, dass erneuerbare Energien sich lohnen - auch für Mainz 05 und den SC Freiburg.

  5. SV Hühnerbaron Bremen
    Für Frankreich ist die Landwirtschaft ein heiliger Sektor. Es geht zurück auf die Zeit von Louis XIV. Um Weltmacht zu sein, sein dickes Schloss bauen und alimentieren zu können, brauchte es jede Menge Kohle. Woher nehmen, wo die Industrialisierung noch nicht erfunden war? Ganz einfach: Man muss bloß schlau sein. Wozu haben wir so viele Bauern im Land? Aus verschimmeltem Käse machen wir "Camembert", aus vergorenem Wein "Champagner", aus Scheiße Gold. Und weil das immer so gut funktioniert hat, setzt die stolze Grande Nation seit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft / Union alles daran, dass mindestens die Hälfte des Haushaltes der Staatengemeinschaft für Landwirtschaftssubventionen draufgeht. Gezahlt wird pro Stück. Das garantiert, dass die großen Betriebe am meisten verdienen können. Zum Beispiel große Geflügelmast- und Geflügelverarbeitungsbetriebe. So wie der Sponsor von Werder Bremen.

  6. Bundesbahn BSC Berlin
    Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Deutsche Bundesbahn eine steuerfinanzierte Behörde. 1994 begann die Bundesregierung mit der sogenannten "Bahnreform" eine schrittweise Privatisierung mit dem Ziel, die Bahn endgültig kaputt zu machen aus der Bahn eine Cash-Cow zu machen, die Gewinne abwirft. Seitdem fahren die S-Bahnen in Berlin unregelmäßig und der Verkehrsknotenpunkt Mainz-Hauptbahnhof wird nur noch außerhalb der Sommerferien bedient. Dafür verfügt die Deutsche Bahn international über die größte Spedition der Welt... in Gestalt einer Lkw-Flotte, versteht sich. Ach ja, und für Hertha BSC Berlin ist auch noch genügend Geld übrig.

  7. TU 1899 Hoffenheim
    Als ich 2000 in Mannheim zum Arbeitsamt ging, weil ich dringend einen Studentenjob brauchte, um meine Bude zu finanzieren, hingen dort im Wartesaal drei Pinnwände. Zwei davon waren spärlich bestückt mit Ausdrucken aus dem System der damaligen Bundesanstalt für Arbeit. Und eine Pinnwand war übervoll, gespickt mit in winziger Schrift geschriebenen Stellenangeboten einer einzigen Firma, die im Softwaregewerbe tätig ist und weltweit führend in ihrer Sparte. Jedoch waren diese Stellen nicht für jeden geeignet, sie waren sehr spezialisiert. Die meisten verlangten ein Ingenieurs-, Informatik- oder Mathematikstudium. Hoffenheim-Finanzier Dietmar Hopp und seine Mitstreiter hätten SAP niemals in der Wüste Gobi gründen können. Aber in der Nähe von Mannheim war das kein Problem: Weniger als eine Autostunde um den Firmensitz herum liegen sage und schreibe zwölf Volluniversitäten, darunter drei explizit Technische, und eine unüberschaubare Anzahl von Fachhochschulen. Allesamt finanziert vom Steuerzahler. Hinzu kommt ein eng ausgebautes Netz an Datenleitungen wie Glasfaserkabel oder Breitbandnetze, die die Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Beste Voraussetzungen für einen Weltkonzern. Und seine Top-Elf.

  8. VfL Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben und 15. Eintracht Niedersachsen
    Es war einmal ein Führer und Reichskanzler, der hatte einen großen Traum: Er wollte die Welt erobern, ach was! erobern!, er wollte sie verrnichten! Dazu brauchte man jedoch etwas Geld. Der Führer hatte eine super Idee: Warum lassen wir nicht das Volk auf einen KdF-Wagen sparen? Wenn jeder Bürger 4000 Reichsmark zur Seite legt, kommt jede Menge Geld zusammen. So kam es. Ferdinand Porsche entwickelte den Prototyp des VW Käfer und das Automobilwerk bei Fallersleben wurde gebaut. Als der Sparplan endete, war endlich genug Geld da, um den Krieg endlich beginnen zu können. Der Reichskanzler investierte das Geld wie versprochen in die Produkte des Automobilwerks, und tatsächlich konnten jede Menge Panzer von dem Geld gekauft werden, denn diese ließ man nun dort herstellen. Nach dem Krieg wurde dann doch noch irgendwann der VW Käfer in Wolfsburg gebaut, und er wurde eins der erfolgreichsten Autos der Welt, zum Glück für das Land Niedersachsen, das als Nachfolgeorganisation des Dritten Reichs Mitinhaber ist, und zum Glück für den VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig und weitere Clubs, die von VW und seinen Konzerntöchtern gesponsert werden.

  9. Postsparbuch Mönchengladbach
    Früher, als die Bonner Republik noch lebte, schickten die Beamten, die damals noch in den Sozialämtern das Sagen hatten, ihre finanzschwache Klientel, wenn gar nichts anderes mehr ging, zur staatseigenen Bundespost. Denn wenn keine Bank mehr da ist, die einem einen Kredit gibt, ein Postsparbuch war immer möglich. Das blieb sogar nach der Aufspaltung der Deutschen Bundespost so, die Postbank war noch lange Zeit danach die einzige Bank, die jedem ein Girokonto zur Verfügung stellte, noch bevor es den Begriff "Pfändungsschutzkonto" überhaupt gab. Dass Kleinvieh auch Mist einbringt, und nicht einmal wenig, das bemerkte dann irgendwann auch die Deutsche Bank, die das Privatkundengeschäft ansonsten so anrüchig fand, und kaufte das Unternehmen, das die Traditionsmannschaft von Borussia Mönchengladbach unterstützt.

  10. Schiffsfonds 96
    Das Hannoversche Unternehmen TUI verdient sein Geld im Wesentlichen damit, den hart arbeitenden Bürger samt seiner Frau (oder Sekretärin) mit einem seiner Flieger oder einem seiner Boote zum Erholen in die Sonne zu schicken. Dabei profitiert die Tourismus-Branche in hohem Maße von zahlreichen Subventionen von Vater Staat. Die berühmteste ist die Steuerermäßigung für Hotelübernachtungen, für die seit geraumer Zeit nur noch 7% Mehrwertsteuer fällig werden. Jahrelang konnte der Bau neuer Schiffe von der Steuer abgesetzt werden. Ob man Flugzeuge steuerfrei betanken kann oder Konversionsflughäfen nutzt, die vom Militär aufgegeben, nun vom Staat unterstützt werden: Das alles wird von der Gesellschaft mitbezahlt, auch von denen, die sich keinen Urlaub leisten können. Das gesparte Geld wandert zu den Aktionären der TUI und zu Hannover 96.

  11. WTO Jobcenter Nürnberg
    Die WTO ist eine internationale Regierungsorganisation, die den Abbau von Handelshemmnissen und die Liberalisierung des internationalen Handels verfolgt. Sie verbietet also Zölle, die dazu da sind, die hiesigen Arbeitnehmer vor den Dumpinglöhnen zu schützen, die in Bangladesh gezahlt werden, wenn die Waren hergestellt werden, die wir importieren. Die Folge dieses Freihandels ist, dass innerhalb der letzten fünfzig Jahre fast die gesamte Textilindustrie in Europa ausgestorben ist, während die Textilarbeiter in Bangladesh unter menschenunwürdigen Bedingungen ihrem Tagwerk nachgehen. Die Mitgliedsbeiträge der Bundesrepublik für die WTO zahlen übrigens wir. Importeure wie Kik, der Sponsor des 1.FC Nürnberg, profitieren doppelt von der WTO-Strategie: Einmal direkt durch niedrige Einkaufspreise, einmal indirekt durch das Lohndumping. Es ist bekannt, dass Angestellte dieser Warenhauskette ihre niedrigen Löhne im Jobcenter aufstocken müssen, um über die Runden zu kommen. Finanziert wird dieses Lohnplus von niemand anderem als dem Steuerzahler.

  12. OPEC Air SV
    Es ist ziemlich genau 40 Jahre her, als die (zum größten Teil arabischen) OPEC-Staaten der westlichen Welt den Hahn zudrehten, das Öl verknappten und einen starken Anstieg des Preises für diesen in der Industriegesellschaft lebenswichtigen Rohstoff verursachten. Die Folgen waren immens: Die entstehende Rezession wurde verstärkt, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Sozialausgaben und Insolvenzen von Unternehmen nahmen stark zu. In der westlichen Elite wuchs die Überzeugung, dass man sich einen Sozialstaat nicht länger leisten konnte. In Chile wurde die neoliberale Diktatur nach einem Putsch der Amis gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Allende ausprobiert, Willy Brandt, der einzige jemals explizit linke deutsche Bundeskanzler, wurde gestürzt, danach kamen Reagan, Thatcher, Kohl, Schröder und Merkel und reduzierten die Annehmlichkeiten der Wohlfahrtsgesellschaft für die unteren Chargen Schritt für Schritt. Währenddessen stiegen die Vereinigten Arabischen Emirate als einer der OPEC-Staaten, die an der Öldrosselung beteiligt waren, von einem Entwicklungsland auf zu einer Regionalmacht, an der keiner vorbeikommt, der auf den Weg von der alten Welt in den Fernen Osten ist. Glanz und Glamour, Wolkenkratzer, Luxus-Shoppingmalls und künstliche Inseln zeugen von der Macht des Öls. Der Grundstein der staatlichen Fluglinie Emirates wurde vor 40 Jahren gelegt, und der Hamburger SV holt sich im Prinzip bloß einen Teil der deutschen Steuergelder zurück, die damals durch die Rezession verloren gegangen sind. Und genauso spielt er auch.

  13. FC Altkanzler 04
    Das nennt man dann wohl Karriere, was Acker, der Mittelstürmer des TuS Talle da gemacht hat: Er besuchte zunächst die staatliche Volksschule, war dann in Ausbildung, besuchte während dieser die Berufsschule und anschließend holte er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Dann hing er ein mit BAFÖG unterstütztes Studium an einer staatlichen Universität an, verteidigte als Rechtsanwalt an staatlichen Gerichten und ließ sich in den Bundestag wählen, wo er Diäten aus Steuermitteln bekam und war schließlich acht Jahre Ministerpräsident und sieben Jahre Bundeskanzler. Während dieser Zeit erhielt er Apanage aus Steuermitteln. Heute ist er für Gazprom tätig, einen ebenfalls staatlichen (allerdings russischen) Konzern, den er an den FC Schalke 04 als Hauptsponsor vermittelt hat. Wenn das mal kein stattlicher Deal ist!

  14. VfB Chef-Chaise
    Das Dienstwagenprivileg ist die größte Steuervergünstigung, die es in Deutschland gibt, mit Verlusten für den Steuerzahler im Milliarden-Bereich. Ein von der Firma gestellter Dienstwagen, der auch privat genutzt werden kann, wird gegenüber der Bahncard 100 bevorzugt und muss nicht als geldwerter Vorteil versteuert werden. Weil Unternehmen Anschaffungs- und Betriebskosten von Dienstautos voll von der Steuer absetzen können, besteht für sie kein Anreiz, klimaschonende Fahrzeuge zu kaufen. Wem nützt dieses Gesetz mehr als Daimler, dem Hersteller der klobigen Chef-Schlitten der Marke Mercedes-Benz, seines (Stern-)Zeichens Sponsor des VfB Stuttgart und seines Stadions?

  15. Arbeitsrecht Augsburg
    Als kleines und mittelständisches Unternehmen hat AL-KO, eine Manufaktur von Haus- und Gartengeräten sowie Campingzubehör bei der Gewährung von Subventionen wahrscheinlich hintanstehen müssen. Umso erstaunlicher, dass Augsburg nicht schon längst abgestiegen ist. Vermutlich macht AL-KO in Deutschland dennoch ein gutes Geschäft, denn nur in wenigen Ländern umfasst der individuelle Urlaubsanspruch, der einem Arbeitnehmer gesetzlich zusteht, so viele Tage wie hier - ein Plus an Lebensqualität, das gute Leute im Land hält. Dank sei starken Gewerkschaften und klugen Regierungen der Vergangenheit, die das ermöglicht haben. Es sichert diesem Hersteller von Freizeitbedarf genügend Kundschaft und dem FC Augsburg womöglich den nächsten Klassenerhalt.

  16. Eintracht Staatsbank
    Es war einmal eine Bank, die auf dem Höhepunkt einer schlimmen Bankenkrise meinte, sie müsse die zweitgrößte Bank des Landes kaufen, obwohl sie selbst nur die drittgrößte war. Ein Unterfangen, das nicht gut gehen konnte. Es kam, wie es kommen musste: Das Unternehmen geriet in schwere See. Eigentlich bleibt in solchen Fällen nur die Insolvenz. Doch was ist mit dem Geld, das Tante Rosi und Onkel Herbert auf ihrem Sparbuch bei der Commerzbank hinterlassen haben? Richtig. Das wäre dann futsch. Also springt im Falle von Bankenpleiten der Staat ein. Die Bundesrepublik Deutschland beteiligte sich mit einem Viertel der Anteile an der Commerzbank und zahlte dafür 18 Milliarden Euro, ein Vielfaches von dem, was die Bank damals wert war. In der Zwischenzeit hat die Bank 13 Milliarden zurückgezahlt, sie steht beim Steuerzahler also nur noch mit 5 Milliarden zu Buche, was 17% der Anteile entspricht, die noch staatlich sind. Trotz der guten Kapitalentwicklung fiel der Aktienkurs seit 2008 um 95%. Für das Stadionsponsoring in Frankfurt am Main, gleich neben dem Dienstsitz des Deutschen Fußball-Bundes reicht es jedoch noch.


Wegen all dieser Subventionen, Steuererleichterungen, Monopolgewinnen und Gebührengeldern, die wir oder unsere Großeltern in die genannten Unternehmen investiert haben, gehört die Bundesliga irgendwie uns. Und deswegen sollten wir umso lauter mitjubeln, wenn unser Lieblingsklub gewinnt.

Auffallend ist, dass die Clubs umso höher in der Tabelle stehen, je mehr die sie unterstützenden Unternehmen vom Steuerzahler, dem Gebührenzahler oder sonstwie von der Gemeinschaft unterstützt wurden und je unmittelbarer und direkter diese Zahlungen auf den Konten der betreffenden Unternehmen gelandet sind. (Eine Wette auf eine Meisterschaft der Frankfurter Eintracht wäre aus diesem Blickwinkel heraus also keine allzu schlechte Idee.)

Beim Betrachten all dieser einzelunternehmerischen Erfolge wird deutlich: Niemand operiert im luftleeren Raum, irgendwann und irgendwo sind alle, die Erfolg haben wollen, von der sie umgebenden Gesellschaft abhängig.

Auch der Fußball.

Freitag, 9. August 2013

Take the long way home

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 7 - Saarbrücken - 29.07.13 

Kaum sitze ich im Zug, der erste Schock: Deutsche "Meedels" an Bord, stilecht mit Vollkornkörper und Magerquarktaschen. Niemand erwartet von jungen Interrailerinnen hochphilosophische Theorie, aber dass man von diesem Gesülze in studentinnenhochdeutsch auch noch jedes Wort, ach was, jeden einzelnen gottverdammten Buchstaben versteht, ist inzwischen ungewohnt für mich. Ich greife zum Kopfhörer, den der Schaffner mir anbietet. Das Musikangebot der spanischen Eisenbahngesellschaft RENFE besteht aus "Soft-Musik", wie Kevin Spacey sagen würde, aber immer noch besser als dieses Endlosgeschwafel.

Der TGV ist so voller Gepäck, dass Passagiere, die in Südfrankreich zusteigen, gar keinen Platz mehr hätten. Gerade quält sich der Zug durch den Innenstadttunnel von Figueres. Zwanzig Minuten braucht er, um hindurchzukommen. Ich rechne mit einer Stunde Verspätung, womit ich den Anschluss nach Saarbrücken verpassen würde. Ich beschließe, den nächsten zu nehmen.

Diese Unsicherheit, bin ich pünktlich oder nicht, macht einen Teil des Reizes einer Reise aus. Autofahrer sind auch oft unpünktlich wegen Staus, müssen aber keine Anschlusszüge nehmen. Eine Reise mit dem Zug lehnen viele Mitbürger kategorisch ab, wie auch die Übernachtung in Vierzehnbett-Zimmern. Eine Kollegin meinte, lieber würde sie campieren. Dann hätte sie wenigstens ihre Ruhe. Mir hat das Fehlen von Privatsphäre früher auch mehr ausgemacht, aber ich scheine mit höherem Alter härter im Nehmen geworden zu sein. Neben einer schönen jungen Russin im Hostel zu liegen - ist das Urlaub? Für mich schon.

Bei jedem Halt in Südfrankreich gehen einige Mitreisende rauchen. Der Zug leert sich langsam. Der Schmierlappen labert immer noch die US-Amerikanerin zu. Bei allem, was er sagt, lacht sie sich kaputt. Ich halte dieses Theater nicht mehr aus und verabschiede mich ins Bistro.

Ich stehe im Bordrestaurant des TGV und trinke ein "Grimbergen"-Bier aus einer Strasbourger Klosterbrauerei. Ich sehe nach links und betrachte die Vulkane des zentralfranzösischen Bergmassivs, rechts ziehen die Alpen an mir vorbei. Die Autofahrer nebenan auf der Autobahn schalten ihre Scheibenwischer ein, denn hier in der Rhôneebene zieht es jetzt zu.

Ich habe in Spanien ständig Bier getrunken, dabei hatte ich ja gedacht, Spanien sei ein Wein-Land. Wie man sich irren kann! Alle trinken dort ständig Bier. Das Aha-Erlebnis in dieser Hinsicht war eine Werbung im U-Bahnhof Passeig de Gracia: San Miguel 0,0 con manzana. Alkoholfreies Bier mit Apfel. Ist das die endgültige Karlsbergisierung Südeuropas nach dem Erlebnis am Gare de Lyon?

Ich gehe zurück ins Abteil. Die Amerikanerin und einige andere sind in Valence ausgestiegen. Nur wenige Mitreisende erleben, wie schnell der Zug in die französische Hauptstadt düst. Ich denke, der Urlaub gehört noch mir, da spielt die Zufallsauswahl von iTunes "Deins ist, was der Hund macht!" Wutentbrannt drücke ich auf den Weiter-Knopf. iTunes spielt "Take the long way home" von Supertramp. Na also, geht doch!

Fünf Minuten zu früh (!) erreichen wir den Gare de Lyon. Ich steige in die ferngesteuerte U-Bahn-Linie eins und schaue durch die Frontscheibe. Ein geiles Erlebnis. Nach einmal Umsteigen erreiche ich den Ostbahnhof. Den Rest der Fahrt bis kurz vor der Grenze verbringe ich erneut im Bistro. Diesmal gibt's eine deutsche Biermarke zu trinken.

Dann zurück ins Abteil. Ich lehne mich im Stuhl zurück und schaue mich um. Den Schaffner da... den kenn' ich doch! Ist das nicht... Jim Knopf? Und die Landschaft da draußen? Das ist doch... Lum... Lumm... Schlummerland...

Eine Insel mit zwei Bergen
und im tiefen, weiten Meer
Mit viel Tunnels und Geleisen
und dem Eisenbahnverkehr
Nun, wie mag die Insel heißen...

"Das ist der Hauptbahnhof von Saarbrücken", höre ich eine Frauenstimme.

Was hat denn Saarbrücken mit dem Lum...? Langsam öffne ich die Augen. Blicke aus dem Fenster. Ach du Scheiße!

Hektisch schrecke ich hoch, reiße meine Siebensachen aus der Ablage und schnüre mir meinen Reiserucksack um. Die Sitznachbarn schmunzeln.
"Der hält doch zehn Minuten hier", sagt die Frau.
"Gracias", sage ich zu der Dame und entschwinde.

Würde ich nochmals eine Interrail-Reise machen wollen?

Unbedingt! Wann fährt nochmal der nächste Zug nach Neapel?

Revolución

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 6 - Barcelona - 28.07.13

Mann, war das eine Nacht! Nach der Rückkehr aus Madrid hatte ich mir im Stadtteil Barceloneta nahe des Strands die Kante gegeben, und nach einer heißen Nacht im klimatisierten Schlafsaal, vis-à-vis einer schönen Russin schlaflos brütend, erwache ich gegen elf Uhr in meinem Hostel an der Prachtstraße Passeig de Grácia. Wie es sich für einen Langschläfer gehört, habe ich natürlich die Frühstücksausgabe im Hostel verpasst.

Ich entsteige meiner Herberge und irre den Passeig hinab, auf der Suche nach einem gemütlichen Frühstückscafé, von denen es in Sants in der Nähe des Hauptbahnhofes doch so reichlich viele gab! Nichts. Ich gehe an der Plaça de Catalunya vorbei. Fehlanzeige. Bloß ein "Corte d'Ingles"-Warenhaus und jede Menge Luxus-Geschäfte, alle Sonntags geschlossen. Die Geisterstadt aus Marmor verweigert mir jegliches Frühstück.

Ich werde immer gereizter, und wer mich kennt, weiß, wie unangenehm ich sein kann, so ganz ohne Frühstückskaffee. Nach einem weiteren erfolglosen Schlenker durch einen Teil der Altstadt lande ich ausgerechnet (!) auf den Touristen-überfüllten Ramblas, wo jeder zweite, der dort steht, jemand ist, der denjenigen, die an ihm vorbeigehen, etwas anzudrehen versucht.

Mir reicht's. Ich beschließe, gegen diesen Konsumismus anzukämpfen und gehe in den Untergrund, genauer gesagt steige ich den U-Bahnhof Liceu hinab. Mit der Metro fahre ich zwei Stationen und steige aus. Plötzlich stehe ich vor dem Aufgang zur Bergbahn des Montjuic. Auf der Flucht ist mir jedes Fortbewegungsmittel Recht!

Im Ausflugslokal an der Endstation kriege ich endlich meinen heiß erwarteten Café Solo. Sehr gut! Wer eine Revolution starten will, muss gestärkt sein.

Blick vom Ausflugslokal auf die Stadt.
Noch sieht man nicht viel mit Ausnahme des Parks.
Auf der Flucht vor der Reaktion verstecke ich mich im Wald. Ein Blick nach rechts. Ein Blick nach links. Niemand zu sehen! Weiter geht's!
 
Die natürliche Vegetation der iberischen Halbinsel
ist der Kiefernwald. Kiefern benötigen weniger
Wasser als beispielsweise unsere Laubbäume.
Bei dieser Hitze bekommt man aber auch einen Durst! Ich beschließe, den Brunnen leer zu trinken. Opfer müssen gebracht werden.

Wasserspiele. Noch ist der Gipfel nicht erreicht.
Im Hintergrund das Mittelmeer.
Ich besteige den Hügel bis zu seinem Ende und verstecke mich in der Festung, die ich dort vorfinde. Es gruselt mich, denn an diesem Orte haben einst die Faschisten nach dem von ihnen gewonnenen Bürgerkrieg die aufrechten Widerstandskämpfer bei Wasser und Brot eingesperrt und gefoltert.
Castell de Montjuic
Zum Glück wird man heute nicht mehr in die Kammern gesperrt, sondern hat einen wunderbaren Blick auf die Stadt und den Hafen.

Barcelona von oben
Blick vom Kastell auf den Industriehafen.
Hier finde ich auch die geeigneten Waffen in meinem Kampf vor:
Phallus-Symbol?

Einer meiner Söldner bei der Arbeit.
Inzwischen tun mir schon wieder die Füße weh. Das gibt's doch nicht, nach dem bisschen Bergsteigen! Zudem plagt mich der Hunger. Ich beschließe, die Waffen zu strecken und mich auf den Weg ins Tal zu machen. Ich überlege, ob ich die Seilbahn nehmen soll. Barcelona ist vielleicht die einzige Stadt der Welt, in der es neben Bussen, Bahnen und Metros, Flugzeugen, Bergbahnen und Schiffen auch noch Seilbahnen gibt!

Einerseits ist da meine Höhenangst und ich fürchte, einen Höhenkoller zu kriegen, andererseits nimmt in einem Roman von Carlos Ruiz Zafón, der im Nachkriegs-Barcelona spielt, ein Protagonist die Seilbahn zum Hafen, die es damals schon gab. Ein faschistischer Geheimpolizist, der ihm folgt, packt ihn am Fuß und wird von der Seilbahn mitgeschleift. Die Erinnerung an diese Szene ließ mich ebenfalls zweifeln.
Blick aus der Seilbahn am Montjuic
Schließlich setzte sich die Faulheit durch. Wohlbehalten kam ich unten an. Auf dem Weg zum Strand brummte mein Hunger. Ruhig, dachte ich, warte bis du in Barceloneta bist! Plötzlich sehe ich die Reklame einer Pizza vor einer zwielichtigen Kaschemme. Ich gebe auf und setze mich rein. Der Kellner kommt mit schmierigem Grinsen an.

"Karte?" fragt er und hält mir einen schmierigen Waschzettel vor die Nase.
"Das hätten Sie nicht gedacht, was? Für das Geld, das unser Tagesgericht kostet, kriegen Sie in Ihrem Lidl zuhause nicht mal 'ne verdammte Packung Haferflocken!"

Ich schaue auf die Tischplatte und rümpfe die Nase. Die ist ja total verdreckt! Der Kellner bemerkt das Malheur.

"Einen Moment", sagt er und holt ein Tuch. Er wischt über die Platte und verteilt das Fett über den gesamten Tisch. "So, jetzt ist alles sauber."

Er deckt ein. Die Gabel lasse ich zurück gehen, die ist ebenfalls schmutzig.

Ich starre auf das handgeschriebene Angebot. In der Tat preiswert. Genau das richtige Essen, um gegen den Konsumismus zu protestieren. Ich bestelle das Hähnchen.

Der Vogel wird serviert, ganz nach katalanischer Art mit ganzen Zwiebeln in der Marinade. Ich verschlinge das Tier mit Haut und Haar. Natürlich nicht, ohne mir vorher aus den Knochen eine Waffe zu basteln, für den Fall, dass ich Louis Vuitton oder Herrn Seiko persönlich auf der Straße treffe.

Die Rechnung ist erfreulich. Mit Getränken kaum das, was anderswo ein Toilettengang kostet. Auf den verzichte ich übrigens.

Montjuic vom Hafen aus gesehen

Kaum bin ich auf der Hafenpromenade, brummt etwas in meinem Magen. Ich gehe an einem Geldautomaten vorbei. Nimm etwas, sagt mein verantwortungsvolles Ich. Wer weiß, ob du gleich eine Gaststätte benötigst. Aus gewissen Gründen. Du weißt schon, flüstert es, "aseos". 

Ach, ich gehe zur Strandtoilette. Es zieht doch gerade ein Unwetter auf, und da werden nicht mehr so viele Menschen am Strand sein.

Regen in Sicht
Kaum am Strand angekommen, sehe ich, dass es tatsächlich zuzieht. Was nichts am Andrang ändert: Der Strand ist voller denn je, und die Schlange vor den Strandtoiletten zieht sich bis zur französischen Grenze.

Also doch ins Strandrestaurant! Meine Hand legt sich theatralisch auf meinen Bauch. Ich gehe zum Strandrestaurant und hoffe, dass ich mit Kreditkarte zahlen kann. Ich esse Muscheln und trinke katalanischen Schnaps. Selbst im Strandrestaurant eine Schlange vor dem Klo. Mensch, hoffentlich schaffe ich den Strand noch vor dem Regenguss!

Plötzlich merke ich, dass ich die aseos gar nicht brauche. Der pollo, das Hähnchen, war von bester Qualität gewesen und ansonsten fühle ich mich nach neun Tagen Aktivurlaub so fit wie selten zuvor. Und was lernen wir nun daraus? - Dass Barcelona nicht nur eine schöne Stadt ist, sondern auch noch zum Geschichtenerzählen anregt.

Ich springe ins Wasser (die Badehose hatte ich den ganzen Tag an) und genieße das Baden im Meer. Vom Regen kriege ich nur winzige Tropfen ab.
Regenbogen vor dem World Trade Center
Am Strand setze ich meine Ohrhörer auf. Diesmal wähle ich den Titel aus der iTunes-Musikbox selbst aus: "Barcelona" von Freddie Mercury und Montserrat Caballé.

Ich belohne mich am Abend mit einem großen Bier und freue mich auf die Überfahrt nach Saarbrücken am nächsten Tag.

weiter - Die Heimreise

Montag, 5. August 2013

Lost in Translation

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 5 - Madrid - 24.-27.07.13

Ein Knackpunkt bei dieser Reise ist das Thema Babylonische Sprachverwirrung. Wie komme ich im Ausland damit zurecht? Während meines letzten Auslandsaufenthaltes beklagte ich meine eingetrockneten Französischkenntnisse. Diese sind inzwischen besser geworden, wie ich in Paris erleben durfte. Dafür ist mein Englisch eingerostet.

Als ich mich in Paris mit meinem italienischen Mitbewohner in Englisch unterhielt, brachte ich Englisch und Französisch permanent durcheinander. Der andere Mitbewohner sprach bloß argentinisches Spanisch und ein paar Brocken Italienisch. Wenn die beiden sich unterhielten, verstand ich jede Menge, doch sprechen konnte ich noch nichts.

In Barcelona bringe ich meine kümmerlichen Brocken Spanisch mit Englisch und Französisch durcheinander, gemischt mit Saarländisch und meinem Berliner Hochdeutsch. Wie gut, dass ich noch kein Katalanisch beherrsche. Beste Voraussetzungen für Madrid, denke ich, als ich dem Zug entsteige, da kann ja nichts mehr schief gehen.

Die Rezeptionistin im Hostel war zufällig eine junge Deutsche, Madrid schien also multikulti zu sein. Leider war sie für die restlichen drei Tage in Spaniens Hauptstadt die Letzte, die ich traf, die eine Fremdsprache beherrschte. Ich erfuhr auf diese Weise, dass es keinen besseren Ort auf der Welt zum Spanischlernen geben konnte als Madrid - ob man deshalb hier war oder nicht: Denn alle anderen Madrilenen sprachen ausschließlich Spanisch.

Vor 20 Jahren war ich einmal in Italien. Ich musste mal aufs Örtchen, so fragte ich nach der Toilette. Ich benutzte das Wort, das dafür im Wörterbuch als Übersetzung angeboten wurde, das aber wohl seit dem Ersten Weltkrieg kein Italiener mehr benutzt hatte. Man erklärte mir, das richtige Wort sei "Toilette". Mit dieser Erfahrung gesegnet, vermutete ich, dass es in Spanien ähnlich sei.

Höflich fragte ich den Wirt nach der Toilette. Doch der zuckte nur mit den Schultern. Ich behalf mir mit dem universellen Wort "lavabo" (Waschbecken), mit dem ich in Paris und Barcelona Kontakt gehabt hatte, lernte aber für den Rest meiner Tour das richtige Wort, das ich nie wieder vergessen werde: aseos.

Nach vier Tagen Fußmarsch fahre ich lieber erst einmal mit dem Ringbus (Circular 1 und 2) um die Innenstadt herum. Diese Tour kann ich nur empfehlen: Man kommt an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei, muss einmal Pause machen, sie kostet 2 Fahrten mit der Metro-Bus-Karte. Mir fällt auf, dass sich die Gehgeschwindigkeit der Menschen im Vergleich zu Barcelona (ruhiger als Paris) nochmals verlangsamt hat. Die Stadt wirkt, als sei sie eingeschlafen, nahezu komatös. Vielleicht ist es der Jahreszeit geschuldet.

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Stadt mit einer solchen Wohnqualität gesehen. Wenn man über Krise redet, sollte man auch über das Potential reden, über das, was vorher auf Schuldenbasis investiert wurde und nun zur Verfügung steht. Uns Deutschen fällt das schwer, weil wir, evangelisch geprägt, in Schulden die Schuld sehen, eher als die Chance, die Investition.

Typisches Neubau-Wohnhaus in Madrid. Die neu gebauten
Appartementhäuser erkennt man am
roten Backstein nach Londoner Vorbild.

Die Spanier sind in vielem den Deutschen ähnlich. Sie legen Wert auf Ordnung und Sauberkeit (welch willkommene Abwechslung im Vergleich zu dem Uringeruch in Paris). Sie bleiben sogar nachts an der roten Fußgängerampel stehen, ob ein Auto kommt oder nicht, anders als die 64 Millionen schlechten Vorbilder für Kinder zwischen Saarbrücken und dem Pyrenäentunnel, die auch am Tage jene automobilfreie Sekunde ausnutzen, die Pkw-Fahrer benötigen, um in den "Fußgänger-überfahren"-Gang hochzuschalten.

Madrid ist der einzige Punkt der Reise, an dem ich mir Kultur gegönnt habe. Ich besuchte am zweiten Tag meines Aufenthaltes das Königin-Sofia-Museum, in dem bis zum 2.September eine Werkschau Dalís gezeigt wird, dieses großartigen Surrealisten aus Figueres. Das berühmteste Werk des Museums, Picassos "Guernica", vermittelt Gefühle wie Todesangst, Verzweiflung und Schmerz sehr authentisch. Schwierige Themen wie Faschismus und Krieg werden in diesem Museum nicht ausgespart.

Beim Abendspaziergang durch Embajadores und Lavapiés verstärkt sich mein anfänglicher Eindruck, dass die Einwohner von Madrid keinen Wert auf Hektik legen: Entspannt sitzen die Menschen in ihrer "bar" und lassen die Krise an sich vorbeiziehen.

Madrid ist gemütlich und sympathisch, die Menschen sind freundlich zueinander und helfen sich. Will man von einem Ort zum anderen, muss man den Hügel hinauf und kommt dabei an geschlossenen oder leer stehenden Geschäften vorbei. Kurzum: Spaniens Metropole erinnert mich an mein Heimatdorf. Ein großer Kutzhof, mit 4 Millionen Einwohnern. 

Tapas-Bars am U-Bahnhof Tirso de Molina: Übergang vom
sympathisch-gemütlichen Madrid zum Geschäftsviertel.
Je näher man dem Geschäftsviertel kommt, mit seiner aufgeregten Fußgängerzone, dem Prachtboulevard Gran Via mit seinen acht Autospuren, der Plaza Mayor, desto kommerzieller wird denn auch Madrid, und man erlebt, dass es auch hier Tourismus gibt (wenn auch eher aus der spanischsprachigen Welt).

Der Königspalast ist Endpunkt meines Abendspaziergangs.
Im Schlossgarten treffen sich Jugendliche,
aus dem Park hört man Musik.

Wie schon in Paris, so war auch der
letzte Tag in Madrid Park-Tag.
Der riesige Parque de Buen Retiro in Madrid
hält ausreichend Schatten bereit
bei dieser Sommerhitze.

Das Sonnenbad unter Bäumen im Retiro war die richtige Beschäftigung für den mittlerweile fußkranken (Blasen!) Reisenden am Tag vor der Rückreise nach Barcelona. Denn noch war der Urlaub nicht zu Ende...

(wird fortgesetzt...)

Ausflug nach Sitges

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 4 - Sitges - 23.07.13

Eigentlich wollte ich am zweiten Tag in Barcelona mehrere Sehenswürdigkeiten abklappern, doch inzwischen hatte unsere Freundin, die Sonne, die Vierzig-Grad-Marke geknackt, sodass das Vorhaben nicht möglich war, wenn man keinen Sonnenstich riskieren wollte. Also disponierte ich um und nahm die Rodalies (S-Bahn) ins Seebad Sitges.

Bereits die Fahrt dorthin war spektakulär. Es geht durch Felsen, und manchmal direkt übers Wasser.

Wartegleis mit Meerblick.
Blick aus der Rodalies nach Sitges



Sitges ist ne tolle kleine herausgeputzte Stadt mit einem Dutzend aneinanderliegender Strände, auf denen wiederum die Touristen eng aneinanderliegen. 


Am Strand von Sitges liegen manche Mädchen auch oben ohne in der Sonne, um sich nahtlos zu röten. Bilder von ihnen gibt's leider keine (ich verweise auf die einschlägigen Websites), stattdessen eines aus der Bucht:

Ist er der berühmte "Fels in der Brandung"?

Das Geilste was es gibt: Nach dem Sonnen bei 40 Grad
direkt auf der Mole duschen. Der Sonnenbrand danach
war deutlich weniger angenehm...

Ich sammelte in diesem wunderbaren Seebad genug Kraft, am folgenden Tag das letzte Ziel meines Trips anzusteuern:

Die Reise nach Madrid (weiter -)

Montag, 29. Juli 2013

Mein beschwerlicher Weg ins gelobte Land

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 3 - Barcelona - 22.07.13

Wer nach der Erfahrung vom Samstag vermutet hatte, ausfallende Klimaanlagen seien eine exklusive Spezialität der deutschen Bahn, der wurde am Montag morgen eines Besseren belehrt, als ich um acht Uhr auf meinem Platz im TGV nach Spanien, der seit einer dreiviertel Stunde hätte abfahren sollen, sitze. Vielleicht wäre mir in einem fahrenden Zug gar nicht aufgefallen, dass der Fahrgast neben mir wie ein Iltis stinkt, aber das Rumsitzen im Bahnhof nervte nur noch.

Wie ich durch eine Lautsprecherdurchsage erfuhr, war es nicht nur die Klimaanlage, die gestreikt hatte, sondern gleich die gesamte Zugtechnik. Und ich wunderte mich schon, warum die Steckdose nicht funktionierte, in die ich, wie in alle Steckdosen bei allererster Gelegenheit mein stromfressendes Mobiltelefon einführte. Glücklicherweise fuhr der Zug bald los.

Eine Zugfahrt durch das Languedoc-Roussillon
hat ihren eigenen Charme.
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke endet in Nîmes,
danach fahren wir meist ganz nah am Wasser vorbei,
an den Binnenbuchten, den Salzfarmen, dem Meer.

Nach einer malerischen Fahrt durch Südfrankreich erreichen wir nach einer halben Ewigkeit den Pyrenäentunnel, und wie auf Kommando spielt meine iTunes-Zufallsauswahl ausgerechnet in diesem Moment "Here comes the sun" von den Beatles. Wenn das mal kein gutes Omen ist!

Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung erreichen wir die Grenzstadt Figueres, wo das spanische Hochgeschwindigkeitssystem der Bahn beginnt. Leider haben wir den Anschluss verpasst, dürfen aber den Folgezug nehmen. Wie großzügig, die Reservierungen sind ungültig.

Wenn man den Hochgeschwindigkeitszug in Spanien betritt, fühlt man sich sofort wie zuhause. Der AVE von Siemens ist einem anderen Produkt der gleichen Firma zu 99% baugleich - dem ICE der Deutschen Bahn. Der Unterschied besteht darin, dass die Klimaanlage funktioniert. 

Mit einer Verspätung von deutlich mehr als zwei Stunden erreiche ich endlich den Hauptbahnhof von Barcelona (Sants).

Erster Eindruck: Das Ding sieht aus wie ein Flughafen. Zweiter Eindruck: Es ist ein Flughafen. Zugangsschleusen, Wartehallen, abgegurtete Schlangenzonen, Boarding mit blinkenden Gleisangaben auf der Anzeigetafel, Sicherheitskontrolle, Koffer werden durch den Röntgen-Automaten geschoben.

Nach meiner Erfahrung erleben wir in Spanien gerade die Zukunft des Eisenbahnverkehrs. Hier wurden Dinge umgesetzt, von denen deutsche Bahn-Manager nur träumen können und die den deutschen Wutbürger endgültig auf die Barrikaden treiben würden.

So befindet sich der Hauptbahnhof Sants mitten in der Stadt, sämtliche Gleise sind unterirdisch, Stuttgart 21 ist hier Realität. Ebenso in Girona und anderen spanischen Städten. Barcelonas traditioneller Hauptbahnhof Estació de Franca fristet eine traurige Idylle als Regionalbahnhof und Zeugnis seiner glorreichen Vergangenheit.

Barcelona, Estacio de Franca.
Die Trauerbeflaggung
bezieht sich auf das Unglück
von Santiago de Compostela.

Der Hauptbahnhof von Madrid, Puerta de Atocha, hat viel mehr Ähnlichkeit mit einem Messegelände als - sagen wir - mit dem Hauptbahnhof von München. Andere Fernbahnhöfe liegen außerhalb ihrer Städte und werden nur für den Schnellverkehr gebraucht.

Umso betroffener machte mich das schlimme Zugunglück von Santiago de Compostela. Mein Mitgefühl gilt den Opfern. Zur Unfallursache: Ich vermute, je sicherer sich ein Lokführer fühlt, desto risikobereiter wird er. Dennoch sitzt im Zug meist ein Profi am Steuer, und das unterscheidet ihn vom Autoverkehr. Daher werden die meisten Verkehrsunfallopfer von Autos totgefahren. Das ist nur nicht so spektakulär, deshalb steht es nicht in der Zeitung. Der Zug bleibt neben dem Flieger das sicherste Verkehrsmittel.

So, Schluss mit Zugfahren! Wohin geht's zum Hostel? Schaudernd dachte ich die Pension in Paris zurück, in der ich abgestiegen war! Diese Klitsche mit ihren antiken Toiletten, in der es nur einen Schlüssel für alle Insassen des Zimmers gab. Nur weil ein Hotel die Qualitätsanforderungen nicht erfüllt, sich Hotel nennen zu dürfen, ist es noch lange kein Hostel!

Aber meine Furcht war unbegründet. Das Hostel war tipptopp, sauber, angenehm und freundlich (Adresse auf Anfrage). Mein Stadtspaziergang konnte losgehen!

Was Barcelona betrifft, eins vorweg:
Es Raval
Hat mir gudd gefall.
Die Ramblas
Nie wieder - das war's!
Barcelona ist eigentlich eine entschleunigte, gemütliche Stadt. Abseits der großen Touristenströme. Man kann sich dran gewöhnen, an die Stadt, an die Menschen.

Von der Placa d'Espanya ist dieser schöne Palast,
der Palau de Montjuic zu sehen.



Beim recht kostengünstigen Iren nahe der Ramblas trinke ich Pilsner Urquell. Am Nachbartisch ein deutsches Dick-Dünn-Doppel. Sie erklärt ihm gerade, wo sie überall Kalorien einspart (um für ihn attraktiv zu werden?). Wenn es ein Date sein sollte, ist es spätestens mit diesem lustfeindlichen Thema gekippt. Wie kann man sich nur im schönen sommer-sonnigen Spanien über ein dermaßen asketisches Thema unterhalten?

Ja, sooo kann man's natürlich aushalten!



Ich mit Bronzeteint. In Spanien haben mich Leute
ständig nach dem Weg gefragt. Niemand wollte
glauben, dass ich Ausländer bin. Im Hintergrund
die Altstadt von Barcelona.



Dieses Foto entstand auf der Rambla de Raval
und wurde eigentlich dazu geschossen, den
Facebook-Freunden vorzugaukeln,
ich sei in der Karibik.



Richtig wohl gefühlt habe ich mich im Raval, im Barri Gotic und der Altstadt jedoch nur in wenigen Kneipen. Eine davon war eine Heavy-Metal-Kneipe. So stellte ich mir das Barri Gotic auch irgendwie vor.

Ich sehe Barcelona zwiespältig. Wenn es einen Auftrag an Gott gegeben hätte, die perfekte Stadt zu kreieren, wäre es Barcelona geworden. Diese Stadt bietet einfach alles: Wunderbare Parks, Berge und Hügel mit Burgen und Aussicht, das Meer mit Strand und Promenade, eine urige Altstadt mit Flair, fantastisches Essen, Hotels in allen Preislagen, anregende Architektur und einen der attraktivsten Fußballklubs der Welt mit riesigem Stadion.


Blick auf den Passeig de Gracia mit Casa Battlo;
aus dem Hostelzimmer geschossen.

Auf der anderen Seite die Menschenmassen und die Luxusgeschäfte mit ihrem ganzen Plunder.

Menschenmassen auf den Rambles in Barcelona.

Was mich zweitens an dieser ansonsten wunderbaren Stadt stört, ist dieser aggressiv zur Schau getragene Separatismus. Sei es die an Balkonen hängenden Català-Flaggen mit Partisanenstern, sei es die linguistische Leiche, die man vom Friedhof der toten Sprachen ausgegraben und zur Amtssprache erklärt hat.

Kein Mensch in Barcelona und Umgebung spricht Català. Gerade die Servicekräfte, denen du Tourist meist begegnest, stammen aus anderen Teilen Spaniens, aus Südamerika oder den Philippinen, also von dort, wo Spanisch gesprochen wird.

Ähnlich wie bei der Reaktivierung des Irischen geht es auch bei dieser Sprachwiederbelebung vor allem darum, einen "edlen" Grund zur Sezession zu finden, um die wirtschaftlich kriselnden Regionen Spaniens nicht mehr länger quer finanzieren zu müssen. Ob diese Strategie aufgeht, wage ich zu bezweifeln.

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Dienstag, 23. Juli 2013

Pariser Spaziergänge

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 2 - 20.-21.07.2013

Nachdem ich dem saarländischen Exportbier zum Discountpreis gefrönt hatte, bin ich noch ein wenig durch den Jardin de Plantes geschlendert und habe den Austerlitzer Bahnhof besichtigt.

Auf der Austerlitz-Brücke.
Im Hintergrund Notre Dame.


Hinter diesem herrschaftlichen Tor befindet sich
kein Königshaus, und auch kein neuer Thronfolger,
sondern lediglich der Jardin de Plantes,
der botanische Garten von Paris.


Ich wanderte an der Seine entlang zur Kathedrale Notre Dame, ohne sie zu besichtigen, weil ich bei dieser Hitze ganz bestimmt nicht Schlange stehen werde.

An der Seine entlang wandern macht Spaß.

Die Blumen sind schön. Die Kathedrale auch.


Mann, sind die Röcke kurz dieses Jahr! Jugendliche Mädchen laufen damit herum und ihre Eltern schauen zu. Noch kürzer geht es nicht. Mein Tip: nächstes Jahr weglassen!

Ploetzlich meldet sich mein Bauch: Seit Stunden bin ich zu Fuß unterwegs, durch die sogenannte Stadt der Liebe, auf der Suche nach einem schmackhaften und nicht zu teuren Diner (im Sinne von Abendessen, nicht Ami-Speisesaal).

Wer hat den Franzosen ins Ohr geflüstert, Raclette und Fondue seien etwas "traditionell Französisches"? Vor drei Jahren war es das noch nicht, jetzt kriegst du's in jedem Restaurant nachgeworfen! In Wahrheit ist es wie mit dem Maggi: Jeder glaubt, es gehöre zu seiner eigenen Heimat, dabei stammt es aus der Schweiz. Wer chat's erfunden?

Die Masse an Restaurants auf der anderen Seite der Seine erschlug mich. Die Fußgängerzone ist der Eingang zum Quartier Latin, das sogenannte Lutèce, Altstadt, Keimzelle und gute Stube der Stadt. Entsprechend touristisch überlaufen ist es. Und diese Speisevielfalt: Gyros, Fondue, Raclette, Kebab, Raclette, Fondue, Gyros, Doener... Da weiss man gar nicht, für welchen schmierigen Wirt, der in der Gasse steht mit der Karte in der Hand und sagt: "Kommen Sie rein und nehmen Sie Platz" man sich denn nun entscheiden soll.

Ich hörte auf meine Intuition, blieb erstmal hungrig und machte meinen geplanten Spaziergang durchs Quartier Latin, auf den Spuren von Ernest Hemingway und all den anderen Künstlern und Intellektuellen, die nicht darüber geschrieben haben, dass sie hier all ihre Gedanken geordnet haben, in diesem Viertel, das all die Eliteuniversitaeten beherbergt, die Sorbonne und die Grandes Ecoles.

Ich spazierte über den Boulevard Saint-Michel und am Jardin de Luxembourg und dem Pantheon vorbei. Ich wusste, ich würde mich, was das Essen betraf, auf die rue Mouffetard verlassen können. Günstig und vor allem gleichzeitig gut! Was soll ich sagen? Es hat mich nicht enttäuscht! Drei Gänge (Muscheln, Boeuf Bourgignon, Tarte de Pomme), Kaffee, Bordeaux und Wasser ohne Ende fuer 24 €! Konkrete Adresse auf Anfrage! Als letzte Station genoss ich ein Rockkonzert unter freiem Himmel in der Nähe des Louvre.

Am zweiten Tag war die Hitze echt erdrückend. Viel mehr als in einem Park unter den Bäumen sitzend den Tag verschwenden, schien nicht drin. Ich wählte den Parc Floral an der Endhaltestelle der fahrerlosen U-Bahn-Linie 1, nahe dem Bois de Vincennes. Ein echter Geheimtipp! Im Park erholen sich ausschliesslich Einheimische, keine Touristen sind anwesend. Und jede Menge Kids!

Unter Jazz versteht jeder etwas anderes.
Vieles davon ist blosses Gejaule.
Leider bleibt man in Paris davon auch nicht verschont.

Der Park Floral ähnelt dem Luisenpark in Mannheim und besitzt anders als dieser keine Tiere (die findet man im Jardin des Plantes), sondern jede Menge Abenteuerspielplätze, künstliche Wälder und Seen und das Jazzfestival Paris an diesem schönen Sonntag.


Parc Floral, Paris


Als ich das Schild mit der Aufschrift "Pavillon" las,
dachte ich, huch!, ich bin wieder in Deutschland!
Bei näherem Nachdenken wurde mir klar, dass das Wort
ursprünglich aus dem Französischen kommt
und sich auch überhaupt nicht verändert hat.

Gerade in den Parks wird deutlich, dass Kinder viel selbstverständlicher zum Stadtbild gehören, als wir das gewohnt sind. Wann hat man zuletzt in Deutschland stillende Mütter gesehen? Oder coole Spielplätze? Hier ist es selbstverständlich, dass in einer Gruppe junger Leute, die gemeinsam im Park picknicken, ein Kleinkind dabei ist. Der deutschen Mutter wäre das peinlich.

Auch die Sozialpolitik spiegelt diese Unterschiede wieder. Sie setzt andere Prioritäten. Wer in Deutschland ein Kind alleine erzieht, muss ins Jobcenter. Dafür gibt es hier halt jede Menge Clochards, die nicht zu übersehen sind und deren Flüssigexkremente die gesamte Stadt bei dieser Hitze olfaktorisch verseuchen. Beides ist grausam, aber auf jeweils unterschiedliche Weise.

Den Abend beschloss ich mit einem Spaziergang durch das Marais. Um 22 Uhr wollte ich im Hostel sein, denn um sieben Uhr würde mein Zug nach Barcelona mit einmal Umsteigen losfahren. Daher wuerde ich früh aufstehen und fit sein muessen. Wie anstrengend diese Überfahrt wirklich werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen.

Montag, 22. Juli 2013

Europa, jetzt komm ich!

Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 1 - Reise nach Paris - 20.07.2013

Eines sonnigen Sonntags, als mir die Sonne meine Wohnung zu sehr erhitzte und ich den Verkehrslaerm nicht weiter ertrug, beschloss ich, meiner Abneigung gegen das Reisen endgültig adieu/adeú/adios zu sagen und mir ein Interrail-Ticket zu kaufen.

Einst war das Interrail-Ticket das Eingangstor zur neuen Welt des vereinten Europas, das die Jugend bereisen konnte, ohne Schranken. Es geriet eine Zeitlang in Vergessenheit, bis sich herausstellte, dass die Abflugpunkte der Billigflieger schwierig zu erreichen sind und das Benzin permanent teurer wird. Soviel sei vorweggenommen: Interrail ist wieder cool.

Es gibt nur zwei Strecken, in denen die deutsche Bahn ihre Höchstgeschwindigkeit ausfahren kann. Die eine ist die Strecke von Frankfurt am Main oder Wiesbaden nach Köln. Leider haben dort Dorfbürgermeister dafür gesorgt, dass die Deutsche Bahn in ihren Käffern halten muss, und zu diesem Zwecke muss sie immer rechtzeitig bremsen. Anders auf der anderen High-Speed-Strecke, von Nord-Lothringen nach Paris.

Zwar haben auch dort Lokalpolitiker ihre Provinzbahnhöfe durchgesetzt, doch um diese muss sich die Deutsche Bahn nicht scheren, die kann sie ihren französischen Kollegen überlassen. Die Fahrt nach Paris funktioniert nun so: An der Staatsgrenze hält der Zug zweimal, einmal in Saarbruecken, einmal in Forbach (France). Danach zuckelt er eine halbe Stunde durch das nördliche Lothringen. Schliesslich biegt er auf die Rennstrecke ab und erreicht dort mit im Schnitt 330 km/h nach nur einer eineinhalbstündigen Fahrt die französische Hauptstadt.

Und just in dem Moment, als der Zug die Rennpiste besteigt und die ersten Hügel erfolgreich hinter sich gebracht hat, spielt die gelobte Zufallsauswahl des iTunes-Musikprogramms meines iPhones den Titel "Westerland" von den Aerzten - den Urlaubs-Klassiker schlechthin! Nicht das letzte Mal, dass iTunes so ins Schwarze trifft. Dazu später mehr.

Ihr könnt euch vorstellen, dass der Urlaub damit gerettet war, bevor ueberhaupt die Gefahr bestand, dass es schiefgeht.

Am Pariser Ostbahnhof angekommen, bin ich erstmal stolz wie Oskar, dass ich nach dem Weg fragen und Fahrkarten kaufen kann. Zu demütigend die Erfahrung, die sich sich 2010 in mein Gehirn gebrannt hat: Ich konnte kein Französisch mehr!

Nachdem ich in einem ICE mit kaputter Klimaanlage bis elf Uhr ausgeharrt hatte (Vormittags geht das), habe ich in den zwanzig Minuten Fahrtzeit mit dem Bus vom Ostbahnhof zum Lyoner Bahnhof zu viele Körpergerüche reiferer Damen und Herren eingeatmet, als es gutgetan hätte. Zweiunddreißig Grad.

Anschließend eine schöne lange Pause im Express de Lyon. Oder warum nicht gleich in der "Karlsbräu Taverne"? Das ist ne Nummer: Saarländisches Bier direkt gegenüber dem Gare de Lyon!


... Zum Preis von 8€! Unglaublich. Ob ich bei dem Wetter am Staden sitze oder hier ist egal, aber am Staden würde dies Bier keine 8€ kosten...

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Montag, 1. Juli 2013

Das jüngste Gericht

Eigentlich nehme ich mir seit zwei Wochen vor, meinen Kühlschrank endlich abzutauen, nachdem ich festgestellt hatte, dass ein Marmeladenglas vom ewigen Eis der Kühlschrankrückwand verschlungen wurde und es endlich eine plausible Begründung für das laute Brummen des Elektrogerätes gab.

Leider stellte ich bei der Durchsicht des Lagergutes fest, dass neben Himbeeren, Broccoli und jeder Menge kälteresistenter Salatkräuter auch noch eine Tüte Hühnerfrikassee im Kühlfach schlummert.

Nun denn, dachte ich, es ist Samstag und du hast Hunger! Ich mach mir heute Hühnerfrikassee zum Mittagessen! 

Wie wärmt man das Zeugs nun auf? Die Zubereitungsanleitung befiehlt: "Füllen Sie eine halbe Tasse Milch..."

Ein schneller Blick in den Kühlschrank. Keine Milch mehr da! Seltsam, wo ich doch noch gestern Abend...

Zum Glück habe ich jetzt eine neue Mikrowelle! Vielleicht kann man das Gericht darin milchfrei garen. Mal sehen, was in der Zubereitungsanleitung steht. 

"Geben Sie das Zeugs in eine feuerfeste Schale." - Passt!
"Stellen Sie es in das Gerät und programmieren Sie soundsoviele Minuten bei soundsoviel Watt." - Nichts leichter als das!
"Machen Sie eine Abdeckung drauf!" - Faszinierend, wie einfach heutzutage die Zubereitung von Hühnerfrikassee sein kann!
"Vergessen Sie nicht, zwei Esslöffel Milch..."

Ich habe mich Wochenende für Wochenende jedes Mal gefragt, wie es sein konnte, dass dieses verd.... Päckchen Hühnerfrikassee nun schon so lange den Platz beansprucht, der eigentlich dem guten alten Käpt'n Iglo zusteht. 

Jetzt wusste ich es wieder: Immer, wenn ich Bock auf Hühnerfrikassee hatte, war grad keine Milch im Haus. Und immer dann, wenn Milch im Kühlschrank war - was häufiger vorkam - hatte ich keine Lust auf Hühnerfrikassee.

Wie kommt man eigentlich dazu, Fertiggerichte anzubieten, die noch weitere Zutaten aus dem Haushalt benötigen? In dieser Formation verbindet das besprochene Tütengericht die negativen Eigenschaften zweier Welten: der leere Geschmack von Convenience-Food trifft auf den Planungsbedarf frischen Essens.

Ich habe mir jetzt sicherheitshalber zwei Pack H-Milch gekauft. Gegart bei einer Million Grad, und haltbar bis zum Jüngsten Gericht.

Vielleicht lass ich das Hühnerfrikassee auch einfach in den Weiten meines Kühlschrankes unter einer Eisscholle verschwinden. Auf mehr oder weniger Konserven kommt es dort auch nicht mehr an.

Was lernen wir daraus? - Ein Fertiggericht heißt Fertiggericht, weil es mich manchmal ganz schön fertig macht!

Dienstag, 21. Mai 2013

Der Bierstädtepokal

Da hat uns der Fußballgott eine fantastische Finalpaarung der diesjährigen Champions-League-Saison beschert.

Es spielen David gegen Goliath, Malocher gegen Schickeria. Die Zeiten, als dieses Match das "Bierstädte-Duell" genannt wurde, sind lange vorbei. Das war in den Siebziger Jahren, als die glorreiche Mannschaft um Franz Beckenbauer aus der bayerischen Olympiastadt einen europäischen Titel nach dem anderen holte, während die Dortmunder Bekanntschaft mit der Zweiten Bundesliga machen durften. Zeiten, in denen die Luft des Ruhrgebiets von den zahlreichen Stahlwerken und Kraftwerken verseucht war und die Schlote jedes Jahr zehn Meter höher gezogen wurden. Währenddessen machte sich der Reichtum am nördlichen Voralpenrand breit, BMW profitierte vom Wirtschaftswunder und der Globalisierung, während der auch betriebswirtschaftlich talentierte Mittelstürmer Uli Hoeneß nicht nur den Ball beim Elfmeterschießen, sondern auch die Finanzen des Clubs in ungekannte Höhen katapultierte. Noch heute ist das Missverhältnis der beiden Vereine enorm. Während beim FC Bayern mindestens vier DAX-Konzerne engagiert sind, ist der Hauptsponsor der Borussia ein Unternehmen, das mit Gruben groß geworden ist.

Umso erstaunlicher, was Jürgen Klopp aus dieser Mannschaft gemacht hat. Zwei Jahre lang hat die Dortmunder Borussia die Bundesliga, eigentlich das Jagdgebiet der Bayern, dominiert. Zum guten Schluss haben sie das große Vorbild aus München im DFB-Pokalfinale mit einem 5:2-Erfolg gedemütigt. Die Ironie der Geschichte ist, dass die Bayern durch das erstmalige Aufflammen echter Konkurrenz seit langer Zeit erst recht angestachelt wurden und die unglaublichste Saison gespielt haben, die es selbst bei diesem Über-Verein je gab. Die Landesmeister aus Italien und Spanien, Juventus Turin und FC Barcelona, haben sie jeweils zweimal teilweise hoch geschlagen, in der Bundesliga feierten sie Punkte- und Torerekord, mit einem 6:1 gegen Wolfsburg drangen sie ins Pokalfinale vor. Dafür gelang es dem BVB, neben der vorjährigen Bundesligadominanz gegen Malaga ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Münchner zu kapern: den Bayern-Dusel, den Sieg in der letzten, wirklich allerletzten Sekunde. Mit diesen Voraussetzungen gesegnet, ist der BVB als Überraschungsmannschaft der diesjährigen Champions-League-Saison vielleicht die einzige Mannschaft, die diese Bayern noch stoppen kann.

Dass beide Mannschaften im Halbfinale die beiden erfolgreichsten Klubs der letzten zwanzig Jahre, Real Madrid und FC Barcelona, demontiert haben, markiert einen Einschnitt. Ich glaube, dass die sogenannte "Wachablösung" des führenden spanischen Fußballs durch die Bundesliga nachhaltig ist, denn es spiegelt die ökonomischen Verhältnisse wider. Die spanische Politik kann es sich angesichts der anhaltenden Proteste gegen die Merkelsche Austeritätspolitik nicht weiter leisten, die publikumsträchtigen Sportarten weiterhin so zu alimentieren wie bisher. Zudem dürften Sponsoren in Finanznot geraten. Das Bundesliga-Hoch ist hingegen weniger kreditfinanziert und dadurch voraussichtlich stabiler. Die Bierstädte sind führend, für die Wein-liebenden Länder ist es zum Weinen.

Freuen wir uns auf ein tolles Spiel in einer anerkannten Bierstadt, im Wembley-Stadion zu London.

Dienstag, 14. Mai 2013

Trällern für den Weltfrieden

Er ist eine der wenigen Fernsehshows, von denen ich keine einzige verpassen möchte. Da er nur einmal im Jahr ausgestrahlt wird, dann aber in der ganzen Welt, ist er ein großes Ereignis: Der Eurovision Song Contest, die wohl traditionsreichste Schlagerparade Europas. Als Kind schaute ich ihn - wie sollte es anders sein - samstags nach dem Baden (man durfte sogar länger aufbleiben), als Jugendlicher verfolgte ich den sensationellen Auftritt von Guildo Horn & den Orthopädischen Strümpfen ("Guildo hat Euch lieb!", Platz 7, 1998, Deutschland) "live" mit Freunden in der vollen Losheimer Eisenbahnhalle bei Nussecken und Himbeereis.

Wie in jedem Jahr, so wird es auch in diesem Jahr wieder sein. Touristische Werbeclips stellen das Gastgeberland vor, das den ESC im Jahr zuvor gewonnen hatte und nebenbei den nun folgenden Beitrag. Danach haben mäßig talentierte, junge, hübsche Sängerinnen, flankiert von gut aussehenden Tänzern (für das überwiegend weibliche und schwule Publikum), genau drei Minuten Zeit, ein Musikstück unfallfrei vor einer halben Milliarde Zuschauern in Szene zu setzen. Danach warten sie alle im Green Room, während Europa abstimmt, aufs Klo geht und sich noch ein Päckchen Salzstangen aus dem Kühlschrank holt. Nun eröffnet der Präsident der Europäischen Rundfunkunion - legendär der inzwischen emeritierte Svante Stockselius - die Punktevergabe. The same procedure as every year, James! / La même procédure comme l'année passée, Jacques!

Das antiquierte ESC-Erlebnis, das seit meiner Kindheit nahezu unverändert an einem Samstagabend im Mai abläuft, ist eine der Fälle, von denen man sagen kann, dass eine Sache, die sich nie ändert, gerade deshalb umso schöner ist. Die Sendungen laufen immer nach dem gleichen Schema, auch wenn das Reglement sich ständig ändert. Diese Änderungen bleiben meist ohne Nachhall, eine der wenigen Revolutionen war der Wegfall der Regel, wonach jeder nur in einer Landessprache singen durfte. Das hatte in den Hochzeiten der Chansons den Schweizern, Luxemburgern und Franzosen eben solche Vorteile beschert wie im Dancefloor-Zeitalter den Briten und Iren.

War die Coolness der Sprache also durchaus wichtig, so zählte andererseits die Qualität des Textes am wenigsten, was Überraschungserfolge wie "Dinge-Dong" (Teach Inn, Gewinner, 1975, Niederlande) oder "Wadde hadde dudde da" (Stefan Raab, Platz 5, 2000, Deutschland) möglich machte. Wichtiger noch als die Kürze des Rocks der Sängerin und deren stimmliches Gesamtvermögen war immer die Tanzdarbietung als Ganzes. Wenn da was Spektakuläres kam ("Wild Dances", Ruslana, Gewinner, 2004, Ukraine), dann hagelte es Twelve Points / Douze Points.

Der ESC orientiert sich am Geschmack der Europäer und prägt ihn. Man musste den "Grand Prix" nicht gewinnen, um sich ins kollektive Gedächtnis zu singen. Das bekannteste jemals beim ESC vorgetragene Lied kann bis heute jedes Kindergartenkind mitträllern, dabei wurde Domenico Modugno aus Italien 1958 damit nur Zweiter: "Nel blu dipinto di blu (Volare)"Wenn man gewann, winkte der ganz große Erfolg ("Waterloo", ABBA, Gewinner, 1974, Schweden) oder das vollständige Vergessen ("Running Scared", Ell und Nikki, Gewinner, 2011, Aserbaidschan).

Früher war der ESC ein Marktplatz, auf dem sich talentierte Künstler aus kleinen Staaten beim Publikum der großen Teilnehmerländer, in denen höhere Honorare zu erzielen waren, empfehlen konnten. Die Karrieren von Udo Jürgens ("Merci Chérie", Gewinner, 1966, Österreich) oder Rudi Carrell ("Wat een geluk", Platz 13, 1960, Niederlande) sind nur zwei Beispiele für diesen kontinentalen Werbeeffekt. Manche Beiträge erreichten nach dem Auftritt beim ESC eine hohe Platzierung in den Charts ("Save your kisses for me", Brotherhood of Men, Gewinner, 1976, United Kingdom) oder machten Weltstars ("Ne partez pas sans moi", Céline Dion, Gewinner, 1988, Schweiz). Diesen Einfluss hat die ESC-Veranstaltung heute nicht mehr.

Die künstlerischen Heldengeschichten traten zurück hinter das eigentliche Spektakel des ESC, das ein politisches ist. Genauer gesagt ist der ESC nichts als als Entertainment getarnte Diplomatie. Veranstaltet von den mehr oder weniger staatsfernen TV-Anstalten öffentlichen Rechts, ist jede Punktevergabe ein Urteil über das Mögen oder Nichtmögen eines anderen europäischen Landes und seiner Kultur. Die ESC-Punktevergabe erzählt Geschichten über Einwanderung (bei schlechten Quoten 12 Punkte für die Türkei aus Deutschland), Ententes Cordiales (Skandinavien-Mafia, Griechenland-Zypern-Connection) und - ganz großes Kino - die Versöhnung verfeindeter Völker.

Eben noch haben sie sich auf den Schlachtfeldern des mittleren Balkan abgemetzelt, schon überschütten sie sich mit 12 Punkten. Und jedesmal, wenn aus Bosnien 12 Punkte ins eben noch so verhasste Serbien gehen, bekommt die internationale Zuschauergemeinde einen Kloß in den Hals und Tränen des Glücks schießen aus unseren Augen. Sie haben sich wieder lieb! Wer denkt da an die Wahrheit, die viel profaner ist? (Die Musikindustrie des gesamten Jugoslawien sitzt in Belgrad, und wenn Deutschland sich auflöste und sich die Länder mit Panzern gegenüber stünden, dann würden dennoch außer Bayern alle für Berlin stimmen).

So wird der Frieden inszeniert, und wenn er mal verloren zu gehen droht, dann muss man ihn herbeisingen ("Ein bisschen Frieden", Nicole, Gewinner, 1982, BRD). So wurde schon der Westen Deutschlands tränenreich in die europäische Familie zurückgeholt. Manchmal schwappt das Sichliebhaben der Völker in Peinlichkeit über, nämlich immer dann, wenn die Regierung autoritärer Staaten sich einmischt. Eine Tanzdarbietung des Schwiegersohnes des Staatschefs (außer Konkurrenz, 2012, Aserbaidschan) führt in dieser Hinsicht genauso zum Fremdschämen wie der Auftritt eines Präsidenten samt Klitschko-Brüdern (Rahmenprogramm, 2005, Ukraine).

Auch gesellschaftspolitische Revolutionen können auf dem ESC-Spektakel gemacht oder zumindest gefeiert werden. So war das europäische Publikum merklich von sich selber gerührt, als es 1998 der Schwulen-Lesben-Trans-Bewegung in Israel den Rücken stärkte, in dem es Dana International ("Diva") zum Sieger kürte - mit einem Song, der für jeden Kenner deutlich hörbar von einem deutsch-griechischen Schlagersänger abgekupfert war.

Nach der Abschaffung der Landessprach-Regelung wurde Diplomatie auch innerhalb eines einzigen Teilnehmerlandes möglich. Die Gruppe Urban Trad hat mit Sanomi 2003 ein Lied in einer Phantasiesprache aufgeführt, weil sich die Teilvölker Belgiens nicht darüber einig wurden, welche der drei Landessprachen Französisch, Niederländisch und Deutsch an die Reihe kommt. Das Lied erreichte Platz 2!

Wir lernen, das vermeintlich leichte Unterhaltungsformat ESC entpuppt sich als todernste Sache. Die deutsche Bevölkerung war sich dessen bewusst, als sie nach knapp 30 sieglosen Jahren die Tochter eines ranghohen Diplomaten zum ESC schickte: Lena Meyer-Landrut ("Satellite", Gewinner, 2010). Ich war zum damaligen Zeitpunkt an der Atlantikküste und habe die Sendung im dritten Fernsehprogramm Frankreichs verfolgt. Die beiden Kommentatoren waren hin und weg von ihr ("très belle présentation"). Und mit ihnen der ganze Kontinent.

Die Stimmung für den späteren Sieger überträgt sich häufig - dem Gewinner gehören meist die Sympathien von ganz Europa, nicht bloß einzelner Teile davon. Ein starker Anhaltspunkt übrigens, dass ein Song gewinnt, ist, - kein Witz! - dass er mir persönlich nicht gefällt. Keine Regel allerdings ohne Ausnahme ("Rock'n Roll Hallelujah", Lordi, Gewinner, 2006, Finnland).

Der diesjährige Beitrag der ARD ("Glorious", Cascada, Platz 21) ist ein Beleg für ein weiteres häufig anzutreffendes Phänomen in Sachen ESC: Die Kopie des Vorjahressiegers. Verhindern kann man es nur, wenn man wie Lena als Titelverteidigerin erneut antritt ("Taken by a Stranger", Platz 10): In Düsseldorf gab es 2011 keine Nachahmer. Die Fallhöhe ist dann aber enorm. Ansonsten dürfen wir uns am Samstag, dem 18.Mai auf jede Menge Nachwuchs-Loreens ("Euphoria", Gewinner, 2012, Schweden) freuen.

"Grand Prix" ist eben von "groh Brieh" (saarländisch für graue Brühe) nicht immer allzu weit entfernt.

Nachtrag: Emmelie de Forrest hat zu Recht gewonnen. Glückwunsch nach Dänemark.