Dienstag, 27. August 2013

Die Bundesliga-Tabelle aus Sicht des Steuerzahlers

Je direkter und unmittelbarer Staatsgeld in die Sponsoren der Bundesliga-Clubs floss, umso höher stehen die von diesen Firmen gesponserten Klubs in der Tabelle.

Die Fußball-Bundesliga gilt als eine der besten Fußball-Spielklassen der Welt. Ich finde, dass sie eine unglaubliche Unterhaltung bietet. Aber, mir ist da etwas aufgefallen. Etwas Schönes, was uns Freude machen sollte: Ich habe herausgefunden, dass die Bundesliga uns allen gehört, weil wir sie finanziert und bezahlt haben. Wenn nicht wir, dann unsere Großeltern und Urgroßeltern. Und da sind Polizeieinsätze und kommunale Stadionfinanzierung nicht mal mit eingerechnet!

Schauen wir uns doch mal die Hauptsponsoren der Bundesliga an, in der Reihenfolge der Platzierung ihrer Clubs in der Tabelle. Es gelten die Platzierungen vom 2. Spieltag.

  1. BV Grubensubventionen Dortmund 09
    Jahrzehntelang bestand das wirtschaftliche Rückgrad des Ruhrgebiets und des Saarlandes darin, heimische Steinkohle auszugraben und damit zu heizen, Energie zu gewinnen und Eisenerz zu Stahl zu schmelzen. Wie es der Fortschritt wollte, lohnte sich dies irgendwann nicht mehr. Um zu vermeiden, irgendwann ganz ohne Energie dazustehen, beschloss die Bundesregierung, diesen Spaß, Kohle aus vielen hundert Metern nach oben zu befördern, kräftig zu subventionieren. Von Steuergeldern. Nachdem die Regierung ihre Subventionen eingestellt hatte, spaltete man die rentablen Teile der Ruhrkohle wie Wohnungen vom Gesamtkonzern ab - Evonik war geboren. Aus diesem Topf wird Borussia Dortmund gesponsert. Mit Erfolg, wie sich zeigt.

  2. FC Telefongebühr München
    Es gab eine Zeit ohne Handys. Junge Menschen werden sich nicht daran erinnern, aber es war so. Es gab etwas, was ihr Meedels und ihr Jungs das "Festnetz" nennt. Eine ganz große Telefonleitung, quer durch die gesamte Republik, bezahlt vom Steuerzahler. Die Bundespost stellte Netzanschlüsse zur Verfügung und man konnte sich ein Telefon dazu auswählen, eines von zwei Modellen. Lange her? Irgendwann ließ man auch andere Firmen Telefonanschlüsse verkaufen, aber die Oberhoheit behielt die Bundespost - und ihre Nachfolgeanstalt Deutsche Telekom. Die verdient mit dem vom Steuerzahler finanzierten Telefonnetz nicht schlecht - und ihr Club holte das Triple aus Champions League, Meisterschaft und Pokal.

  3. TSV Krankenkasse 04 Leverkusen
    Das deutsche Reich war erst wenige Jahre gegründet, da bekam der eiserne Reichskanzler Otto von Bismarck Muffensausen. Obwohl die Wählerstimmen der Arbeiter nur ein Drittel derer der Großbürger Wert waren, wurde ihre Vertretung, die SPD, diese terroristische Vereinigung, immer stärker. Sie und ihre Gewerkschaften riefen zu Arbeiteraufständen auf und zu Streiks. Um die Probleme zu entschärfen, gründete Bismarck die Krankenversicherung für Arbeiter, deren Beiträge gemeinsam von Arbeitern und ihren Chefs gezahlt wurden. Endlich keine Arztkosten mehr zahlen, wenn einem an der Maschine der Finger abgehackt wurde! Der Chemiekonzern Bayer im Rheinland nutzte die Chance und erfand allerlei Medikamente gegen Kopfweh ("Aspirin"), Magenschmerzen ("Alka-Seltzer") und schlechte Laune ("Heroin"). Einige davon werden heute noch recht großzügig von den Krankenkassen bezahlt.

  4. 1.FSV Energiewende 05 und 16. EEG Freiburg
    Hermann Scheer, als Träumer und Visionär, der zum Arzt gehen sollte, in der Seeheimer-SPD belächelt, hatte eine genaue Vorstellung von der Elektrizitätsgewinnung der Zukunft: Statt Rohstoffe aus dem Boden zu holen, die die Natur vor hunderten Millionen Jahren hinterlassen hatte (Öl, Erdgas, Steinkohle, Uran), nutzen wir doch einfach die Naturkräfte von heute, Sonnenenergie, Wind und Wasser. Er schlug ein System vor, mit dem Privatleute, die Energie für die Gemeinschaft gewinnen, Subventionen erhalten können. Kanzler Gerhard Schröder willigte überraschend ein. Er hielt es für ein Gesetz, dass keine Wirkung besitzt, aber ein schönes Symbol für die Wähler der Grünen darstellte. Damit setzte er, ohne es zu wollen, eine Revolution in Gang. Denn wenige Jahre später werden die Lieblinge der Ruhrgebiets-SPD (Kohlekraftwerke) und von Frau Merkel (Atomkraftwerke) nach und nach tatsächlich überflüssig. Denn die öffentliche Hand sorgt dafür, dass erneuerbare Energien sich lohnen - auch für Mainz 05 und den SC Freiburg.

  5. SV Hühnerbaron Bremen
    Für Frankreich ist die Landwirtschaft ein heiliger Sektor. Es geht zurück auf die Zeit von Louis XIV. Um Weltmacht zu sein, sein dickes Schloss bauen und alimentieren zu können, brauchte es jede Menge Kohle. Woher nehmen, wo die Industrialisierung noch nicht erfunden war? Ganz einfach: Man muss bloß schlau sein. Wozu haben wir so viele Bauern im Land? Aus verschimmeltem Käse machen wir "Camembert", aus vergorenem Wein "Champagner", aus Scheiße Gold. Und weil das immer so gut funktioniert hat, setzt die stolze Grande Nation seit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft / Union alles daran, dass mindestens die Hälfte des Haushaltes der Staatengemeinschaft für Landwirtschaftssubventionen draufgeht. Gezahlt wird pro Stück. Das garantiert, dass die großen Betriebe am meisten verdienen können. Zum Beispiel große Geflügelmast- und Geflügelverarbeitungsbetriebe. So wie der Sponsor von Werder Bremen.

  6. Bundesbahn BSC Berlin
    Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Deutsche Bundesbahn eine steuerfinanzierte Behörde. 1994 begann die Bundesregierung mit der sogenannten "Bahnreform" eine schrittweise Privatisierung mit dem Ziel, die Bahn endgültig kaputt zu machen aus der Bahn eine Cash-Cow zu machen, die Gewinne abwirft. Seitdem fahren die S-Bahnen in Berlin unregelmäßig und der Verkehrsknotenpunkt Mainz-Hauptbahnhof wird nur noch außerhalb der Sommerferien bedient. Dafür verfügt die Deutsche Bahn international über die größte Spedition der Welt... in Gestalt einer Lkw-Flotte, versteht sich. Ach ja, und für Hertha BSC Berlin ist auch noch genügend Geld übrig.

  7. TU 1899 Hoffenheim
    Als ich 2000 in Mannheim zum Arbeitsamt ging, weil ich dringend einen Studentenjob brauchte, um meine Bude zu finanzieren, hingen dort im Wartesaal drei Pinnwände. Zwei davon waren spärlich bestückt mit Ausdrucken aus dem System der damaligen Bundesanstalt für Arbeit. Und eine Pinnwand war übervoll, gespickt mit in winziger Schrift geschriebenen Stellenangeboten einer einzigen Firma, die im Softwaregewerbe tätig ist und weltweit führend in ihrer Sparte. Jedoch waren diese Stellen nicht für jeden geeignet, sie waren sehr spezialisiert. Die meisten verlangten ein Ingenieurs-, Informatik- oder Mathematikstudium. Hoffenheim-Finanzier Dietmar Hopp und seine Mitstreiter hätten SAP niemals in der Wüste Gobi gründen können. Aber in der Nähe von Mannheim war das kein Problem: Weniger als eine Autostunde um den Firmensitz herum liegen sage und schreibe zwölf Volluniversitäten, darunter drei explizit Technische, und eine unüberschaubare Anzahl von Fachhochschulen. Allesamt finanziert vom Steuerzahler. Hinzu kommt ein eng ausgebautes Netz an Datenleitungen wie Glasfaserkabel oder Breitbandnetze, die die Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Beste Voraussetzungen für einen Weltkonzern. Und seine Top-Elf.

  8. VfL Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben und 15. Eintracht Niedersachsen
    Es war einmal ein Führer und Reichskanzler, der hatte einen großen Traum: Er wollte die Welt erobern, ach was! erobern!, er wollte sie verrnichten! Dazu brauchte man jedoch etwas Geld. Der Führer hatte eine super Idee: Warum lassen wir nicht das Volk auf einen KdF-Wagen sparen? Wenn jeder Bürger 4000 Reichsmark zur Seite legt, kommt jede Menge Geld zusammen. So kam es. Ferdinand Porsche entwickelte den Prototyp des VW Käfer und das Automobilwerk bei Fallersleben wurde gebaut. Als der Sparplan endete, war endlich genug Geld da, um den Krieg endlich beginnen zu können. Der Reichskanzler investierte das Geld wie versprochen in die Produkte des Automobilwerks, und tatsächlich konnten jede Menge Panzer von dem Geld gekauft werden, denn diese ließ man nun dort herstellen. Nach dem Krieg wurde dann doch noch irgendwann der VW Käfer in Wolfsburg gebaut, und er wurde eins der erfolgreichsten Autos der Welt, zum Glück für das Land Niedersachsen, das als Nachfolgeorganisation des Dritten Reichs Mitinhaber ist, und zum Glück für den VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig und weitere Clubs, die von VW und seinen Konzerntöchtern gesponsert werden.

  9. Postsparbuch Mönchengladbach
    Früher, als die Bonner Republik noch lebte, schickten die Beamten, die damals noch in den Sozialämtern das Sagen hatten, ihre finanzschwache Klientel, wenn gar nichts anderes mehr ging, zur staatseigenen Bundespost. Denn wenn keine Bank mehr da ist, die einem einen Kredit gibt, ein Postsparbuch war immer möglich. Das blieb sogar nach der Aufspaltung der Deutschen Bundespost so, die Postbank war noch lange Zeit danach die einzige Bank, die jedem ein Girokonto zur Verfügung stellte, noch bevor es den Begriff "Pfändungsschutzkonto" überhaupt gab. Dass Kleinvieh auch Mist einbringt, und nicht einmal wenig, das bemerkte dann irgendwann auch die Deutsche Bank, die das Privatkundengeschäft ansonsten so anrüchig fand, und kaufte das Unternehmen, das die Traditionsmannschaft von Borussia Mönchengladbach unterstützt.

  10. Schiffsfonds 96
    Das Hannoversche Unternehmen TUI verdient sein Geld im Wesentlichen damit, den hart arbeitenden Bürger samt seiner Frau (oder Sekretärin) mit einem seiner Flieger oder einem seiner Boote zum Erholen in die Sonne zu schicken. Dabei profitiert die Tourismus-Branche in hohem Maße von zahlreichen Subventionen von Vater Staat. Die berühmteste ist die Steuerermäßigung für Hotelübernachtungen, für die seit geraumer Zeit nur noch 7% Mehrwertsteuer fällig werden. Jahrelang konnte der Bau neuer Schiffe von der Steuer abgesetzt werden. Ob man Flugzeuge steuerfrei betanken kann oder Konversionsflughäfen nutzt, die vom Militär aufgegeben, nun vom Staat unterstützt werden: Das alles wird von der Gesellschaft mitbezahlt, auch von denen, die sich keinen Urlaub leisten können. Das gesparte Geld wandert zu den Aktionären der TUI und zu Hannover 96.

  11. WTO Jobcenter Nürnberg
    Die WTO ist eine internationale Regierungsorganisation, die den Abbau von Handelshemmnissen und die Liberalisierung des internationalen Handels verfolgt. Sie verbietet also Zölle, die dazu da sind, die hiesigen Arbeitnehmer vor den Dumpinglöhnen zu schützen, die in Bangladesh gezahlt werden, wenn die Waren hergestellt werden, die wir importieren. Die Folge dieses Freihandels ist, dass innerhalb der letzten fünfzig Jahre fast die gesamte Textilindustrie in Europa ausgestorben ist, während die Textilarbeiter in Bangladesh unter menschenunwürdigen Bedingungen ihrem Tagwerk nachgehen. Die Mitgliedsbeiträge der Bundesrepublik für die WTO zahlen übrigens wir. Importeure wie Kik, der Sponsor des 1.FC Nürnberg, profitieren doppelt von der WTO-Strategie: Einmal direkt durch niedrige Einkaufspreise, einmal indirekt durch das Lohndumping. Es ist bekannt, dass Angestellte dieser Warenhauskette ihre niedrigen Löhne im Jobcenter aufstocken müssen, um über die Runden zu kommen. Finanziert wird dieses Lohnplus von niemand anderem als dem Steuerzahler.

  12. OPEC Air SV
    Es ist ziemlich genau 40 Jahre her, als die (zum größten Teil arabischen) OPEC-Staaten der westlichen Welt den Hahn zudrehten, das Öl verknappten und einen starken Anstieg des Preises für diesen in der Industriegesellschaft lebenswichtigen Rohstoff verursachten. Die Folgen waren immens: Die entstehende Rezession wurde verstärkt, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Sozialausgaben und Insolvenzen von Unternehmen nahmen stark zu. In der westlichen Elite wuchs die Überzeugung, dass man sich einen Sozialstaat nicht länger leisten konnte. In Chile wurde die neoliberale Diktatur nach einem Putsch der Amis gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Allende ausprobiert, Willy Brandt, der einzige jemals explizit linke deutsche Bundeskanzler, wurde gestürzt, danach kamen Reagan, Thatcher, Kohl, Schröder und Merkel und reduzierten die Annehmlichkeiten der Wohlfahrtsgesellschaft für die unteren Chargen Schritt für Schritt. Währenddessen stiegen die Vereinigten Arabischen Emirate als einer der OPEC-Staaten, die an der Öldrosselung beteiligt waren, von einem Entwicklungsland auf zu einer Regionalmacht, an der keiner vorbeikommt, der auf den Weg von der alten Welt in den Fernen Osten ist. Glanz und Glamour, Wolkenkratzer, Luxus-Shoppingmalls und künstliche Inseln zeugen von der Macht des Öls. Der Grundstein der staatlichen Fluglinie Emirates wurde vor 40 Jahren gelegt, und der Hamburger SV holt sich im Prinzip bloß einen Teil der deutschen Steuergelder zurück, die damals durch die Rezession verloren gegangen sind. Und genauso spielt er auch.

  13. FC Altkanzler 04
    Das nennt man dann wohl Karriere, was Acker, der Mittelstürmer des TuS Talle da gemacht hat: Er besuchte zunächst die staatliche Volksschule, war dann in Ausbildung, besuchte während dieser die Berufsschule und anschließend holte er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Dann hing er ein mit BAFÖG unterstütztes Studium an einer staatlichen Universität an, verteidigte als Rechtsanwalt an staatlichen Gerichten und ließ sich in den Bundestag wählen, wo er Diäten aus Steuermitteln bekam und war schließlich acht Jahre Ministerpräsident und sieben Jahre Bundeskanzler. Während dieser Zeit erhielt er Apanage aus Steuermitteln. Heute ist er für Gazprom tätig, einen ebenfalls staatlichen (allerdings russischen) Konzern, den er an den FC Schalke 04 als Hauptsponsor vermittelt hat. Wenn das mal kein stattlicher Deal ist!

  14. VfB Chef-Chaise
    Das Dienstwagenprivileg ist die größte Steuervergünstigung, die es in Deutschland gibt, mit Verlusten für den Steuerzahler im Milliarden-Bereich. Ein von der Firma gestellter Dienstwagen, der auch privat genutzt werden kann, wird gegenüber der Bahncard 100 bevorzugt und muss nicht als geldwerter Vorteil versteuert werden. Weil Unternehmen Anschaffungs- und Betriebskosten von Dienstautos voll von der Steuer absetzen können, besteht für sie kein Anreiz, klimaschonende Fahrzeuge zu kaufen. Wem nützt dieses Gesetz mehr als Daimler, dem Hersteller der klobigen Chef-Schlitten der Marke Mercedes-Benz, seines (Stern-)Zeichens Sponsor des VfB Stuttgart und seines Stadions?

  15. Arbeitsrecht Augsburg
    Als kleines und mittelständisches Unternehmen hat AL-KO, eine Manufaktur von Haus- und Gartengeräten sowie Campingzubehör bei der Gewährung von Subventionen wahrscheinlich hintanstehen müssen. Umso erstaunlicher, dass Augsburg nicht schon längst abgestiegen ist. Vermutlich macht AL-KO in Deutschland dennoch ein gutes Geschäft, denn nur in wenigen Ländern umfasst der individuelle Urlaubsanspruch, der einem Arbeitnehmer gesetzlich zusteht, so viele Tage wie hier - ein Plus an Lebensqualität, das gute Leute im Land hält. Dank sei starken Gewerkschaften und klugen Regierungen der Vergangenheit, die das ermöglicht haben. Es sichert diesem Hersteller von Freizeitbedarf genügend Kundschaft und dem FC Augsburg womöglich den nächsten Klassenerhalt.

  16. Eintracht Staatsbank
    Es war einmal eine Bank, die auf dem Höhepunkt einer schlimmen Bankenkrise meinte, sie müsse die zweitgrößte Bank des Landes kaufen, obwohl sie selbst nur die drittgrößte war. Ein Unterfangen, das nicht gut gehen konnte. Es kam, wie es kommen musste: Das Unternehmen geriet in schwere See. Eigentlich bleibt in solchen Fällen nur die Insolvenz. Doch was ist mit dem Geld, das Tante Rosi und Onkel Herbert auf ihrem Sparbuch bei der Commerzbank hinterlassen haben? Richtig. Das wäre dann futsch. Also springt im Falle von Bankenpleiten der Staat ein. Die Bundesrepublik Deutschland beteiligte sich mit einem Viertel der Anteile an der Commerzbank und zahlte dafür 18 Milliarden Euro, ein Vielfaches von dem, was die Bank damals wert war. In der Zwischenzeit hat die Bank 13 Milliarden zurückgezahlt, sie steht beim Steuerzahler also nur noch mit 5 Milliarden zu Buche, was 17% der Anteile entspricht, die noch staatlich sind. Trotz der guten Kapitalentwicklung fiel der Aktienkurs seit 2008 um 95%. Für das Stadionsponsoring in Frankfurt am Main, gleich neben dem Dienstsitz des Deutschen Fußball-Bundes reicht es jedoch noch.


Wegen all dieser Subventionen, Steuererleichterungen, Monopolgewinnen und Gebührengeldern, die wir oder unsere Großeltern in die genannten Unternehmen investiert haben, gehört die Bundesliga irgendwie uns. Und deswegen sollten wir umso lauter mitjubeln, wenn unser Lieblingsklub gewinnt.

Auffallend ist, dass die Clubs umso höher in der Tabelle stehen, je mehr die sie unterstützenden Unternehmen vom Steuerzahler, dem Gebührenzahler oder sonstwie von der Gemeinschaft unterstützt wurden und je unmittelbarer und direkter diese Zahlungen auf den Konten der betreffenden Unternehmen gelandet sind. (Eine Wette auf eine Meisterschaft der Frankfurter Eintracht wäre aus diesem Blickwinkel heraus also keine allzu schlechte Idee.)

Beim Betrachten all dieser einzelunternehmerischen Erfolge wird deutlich: Niemand operiert im luftleeren Raum, irgendwann und irgendwo sind alle, die Erfolg haben wollen, von der sie umgebenden Gesellschaft abhängig.

Auch der Fußball.

Freitag, 9. August 2013

Take the long way home

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 7 - Saarbrücken - 29.07.13 

Kaum sitze ich im Zug, der erste Schock: Deutsche "Meedels" an Bord, stilecht mit Vollkornkörper und Magerquarktaschen. Niemand erwartet von jungen Interrailerinnen hochphilosophische Theorie, aber dass man von diesem Gesülze in studentinnenhochdeutsch auch noch jedes Wort, ach was, jeden einzelnen gottverdammten Buchstaben versteht, ist inzwischen ungewohnt für mich. Ich greife zum Kopfhörer, den der Schaffner mir anbietet. Das Musikangebot der spanischen Eisenbahngesellschaft RENFE besteht aus "Soft-Musik", wie Kevin Spacey sagen würde, aber immer noch besser als dieses Endlosgeschwafel.

Der TGV ist so voller Gepäck, dass Passagiere, die in Südfrankreich zusteigen, gar keinen Platz mehr hätten. Gerade quält sich der Zug durch den Innenstadttunnel von Figueres. Zwanzig Minuten braucht er, um hindurchzukommen. Ich rechne mit einer Stunde Verspätung, womit ich den Anschluss nach Saarbrücken verpassen würde. Ich beschließe, den nächsten zu nehmen.

Diese Unsicherheit, bin ich pünktlich oder nicht, macht einen Teil des Reizes einer Reise aus. Autofahrer sind auch oft unpünktlich wegen Staus, müssen aber keine Anschlusszüge nehmen. Eine Reise mit dem Zug lehnen viele Mitbürger kategorisch ab, wie auch die Übernachtung in Vierzehnbett-Zimmern. Eine Kollegin meinte, lieber würde sie campieren. Dann hätte sie wenigstens ihre Ruhe. Mir hat das Fehlen von Privatsphäre früher auch mehr ausgemacht, aber ich scheine mit höherem Alter härter im Nehmen geworden zu sein. Neben einer schönen jungen Russin im Hostel zu liegen - ist das Urlaub? Für mich schon.

Bei jedem Halt in Südfrankreich gehen einige Mitreisende rauchen. Der Zug leert sich langsam. Der Schmierlappen labert immer noch die US-Amerikanerin zu. Bei allem, was er sagt, lacht sie sich kaputt. Ich halte dieses Theater nicht mehr aus und verabschiede mich ins Bistro.

Ich stehe im Bordrestaurant des TGV und trinke ein "Grimbergen"-Bier aus einer Strasbourger Klosterbrauerei. Ich sehe nach links und betrachte die Vulkane des zentralfranzösischen Bergmassivs, rechts ziehen die Alpen an mir vorbei. Die Autofahrer nebenan auf der Autobahn schalten ihre Scheibenwischer ein, denn hier in der Rhôneebene zieht es jetzt zu.

Ich habe in Spanien ständig Bier getrunken, dabei hatte ich ja gedacht, Spanien sei ein Wein-Land. Wie man sich irren kann! Alle trinken dort ständig Bier. Das Aha-Erlebnis in dieser Hinsicht war eine Werbung im U-Bahnhof Passeig de Gracia: San Miguel 0,0 con manzana. Alkoholfreies Bier mit Apfel. Ist das die endgültige Karlsbergisierung Südeuropas nach dem Erlebnis am Gare de Lyon?

Ich gehe zurück ins Abteil. Die Amerikanerin und einige andere sind in Valence ausgestiegen. Nur wenige Mitreisende erleben, wie schnell der Zug in die französische Hauptstadt düst. Ich denke, der Urlaub gehört noch mir, da spielt die Zufallsauswahl von iTunes "Deins ist, was der Hund macht!" Wutentbrannt drücke ich auf den Weiter-Knopf. iTunes spielt "Take the long way home" von Supertramp. Na also, geht doch!

Fünf Minuten zu früh (!) erreichen wir den Gare de Lyon. Ich steige in die ferngesteuerte U-Bahn-Linie eins und schaue durch die Frontscheibe. Ein geiles Erlebnis. Nach einmal Umsteigen erreiche ich den Ostbahnhof. Den Rest der Fahrt bis kurz vor der Grenze verbringe ich erneut im Bistro. Diesmal gibt's eine deutsche Biermarke zu trinken.

Dann zurück ins Abteil. Ich lehne mich im Stuhl zurück und schaue mich um. Den Schaffner da... den kenn' ich doch! Ist das nicht... Jim Knopf? Und die Landschaft da draußen? Das ist doch... Lum... Lumm... Schlummerland...

Eine Insel mit zwei Bergen
und im tiefen, weiten Meer
Mit viel Tunnels und Geleisen
und dem Eisenbahnverkehr
Nun, wie mag die Insel heißen...

"Das ist der Hauptbahnhof von Saarbrücken", höre ich eine Frauenstimme.

Was hat denn Saarbrücken mit dem Lum...? Langsam öffne ich die Augen. Blicke aus dem Fenster. Ach du Scheiße!

Hektisch schrecke ich hoch, reiße meine Siebensachen aus der Ablage und schnüre mir meinen Reiserucksack um. Die Sitznachbarn schmunzeln.
"Der hält doch zehn Minuten hier", sagt die Frau.
"Gracias", sage ich zu der Dame und entschwinde.

Würde ich nochmals eine Interrail-Reise machen wollen?

Unbedingt! Wann fährt nochmal der nächste Zug nach Neapel?

Revolución

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 6 - Barcelona - 28.07.13

Mann, war das eine Nacht! Nach der Rückkehr aus Madrid hatte ich mir im Stadtteil Barceloneta nahe des Strands die Kante gegeben, und nach einer heißen Nacht im klimatisierten Schlafsaal, vis-à-vis einer schönen Russin schlaflos brütend, erwache ich gegen elf Uhr in meinem Hostel an der Prachtstraße Passeig de Grácia. Wie es sich für einen Langschläfer gehört, habe ich natürlich die Frühstücksausgabe im Hostel verpasst.

Ich entsteige meiner Herberge und irre den Passeig hinab, auf der Suche nach einem gemütlichen Frühstückscafé, von denen es in Sants in der Nähe des Hauptbahnhofes doch so reichlich viele gab! Nichts. Ich gehe an der Plaça de Catalunya vorbei. Fehlanzeige. Bloß ein "Corte d'Ingles"-Warenhaus und jede Menge Luxus-Geschäfte, alle Sonntags geschlossen. Die Geisterstadt aus Marmor verweigert mir jegliches Frühstück.

Ich werde immer gereizter, und wer mich kennt, weiß, wie unangenehm ich sein kann, so ganz ohne Frühstückskaffee. Nach einem weiteren erfolglosen Schlenker durch einen Teil der Altstadt lande ich ausgerechnet (!) auf den Touristen-überfüllten Ramblas, wo jeder zweite, der dort steht, jemand ist, der denjenigen, die an ihm vorbeigehen, etwas anzudrehen versucht.

Mir reicht's. Ich beschließe, gegen diesen Konsumismus anzukämpfen und gehe in den Untergrund, genauer gesagt steige ich den U-Bahnhof Liceu hinab. Mit der Metro fahre ich zwei Stationen und steige aus. Plötzlich stehe ich vor dem Aufgang zur Bergbahn des Montjuic. Auf der Flucht ist mir jedes Fortbewegungsmittel Recht!

Im Ausflugslokal an der Endstation kriege ich endlich meinen heiß erwarteten Café Solo. Sehr gut! Wer eine Revolution starten will, muss gestärkt sein.

Blick vom Ausflugslokal auf die Stadt.
Noch sieht man nicht viel mit Ausnahme des Parks.
Auf der Flucht vor der Reaktion verstecke ich mich im Wald. Ein Blick nach rechts. Ein Blick nach links. Niemand zu sehen! Weiter geht's!
 
Die natürliche Vegetation der iberischen Halbinsel
ist der Kiefernwald. Kiefern benötigen weniger
Wasser als beispielsweise unsere Laubbäume.
Bei dieser Hitze bekommt man aber auch einen Durst! Ich beschließe, den Brunnen leer zu trinken. Opfer müssen gebracht werden.

Wasserspiele. Noch ist der Gipfel nicht erreicht.
Im Hintergrund das Mittelmeer.
Ich besteige den Hügel bis zu seinem Ende und verstecke mich in der Festung, die ich dort vorfinde. Es gruselt mich, denn an diesem Orte haben einst die Faschisten nach dem von ihnen gewonnenen Bürgerkrieg die aufrechten Widerstandskämpfer bei Wasser und Brot eingesperrt und gefoltert.
Castell de Montjuic
Zum Glück wird man heute nicht mehr in die Kammern gesperrt, sondern hat einen wunderbaren Blick auf die Stadt und den Hafen.

Barcelona von oben
Blick vom Kastell auf den Industriehafen.
Hier finde ich auch die geeigneten Waffen in meinem Kampf vor:
Phallus-Symbol?

Einer meiner Söldner bei der Arbeit.
Inzwischen tun mir schon wieder die Füße weh. Das gibt's doch nicht, nach dem bisschen Bergsteigen! Zudem plagt mich der Hunger. Ich beschließe, die Waffen zu strecken und mich auf den Weg ins Tal zu machen. Ich überlege, ob ich die Seilbahn nehmen soll. Barcelona ist vielleicht die einzige Stadt der Welt, in der es neben Bussen, Bahnen und Metros, Flugzeugen, Bergbahnen und Schiffen auch noch Seilbahnen gibt!

Einerseits ist da meine Höhenangst und ich fürchte, einen Höhenkoller zu kriegen, andererseits nimmt in einem Roman von Carlos Ruiz Zafón, der im Nachkriegs-Barcelona spielt, ein Protagonist die Seilbahn zum Hafen, die es damals schon gab. Ein faschistischer Geheimpolizist, der ihm folgt, packt ihn am Fuß und wird von der Seilbahn mitgeschleift. Die Erinnerung an diese Szene ließ mich ebenfalls zweifeln.
Blick aus der Seilbahn am Montjuic
Schließlich setzte sich die Faulheit durch. Wohlbehalten kam ich unten an. Auf dem Weg zum Strand brummte mein Hunger. Ruhig, dachte ich, warte bis du in Barceloneta bist! Plötzlich sehe ich die Reklame einer Pizza vor einer zwielichtigen Kaschemme. Ich gebe auf und setze mich rein. Der Kellner kommt mit schmierigem Grinsen an.

"Karte?" fragt er und hält mir einen schmierigen Waschzettel vor die Nase.
"Das hätten Sie nicht gedacht, was? Für das Geld, das unser Tagesgericht kostet, kriegen Sie in Ihrem Lidl zuhause nicht mal 'ne verdammte Packung Haferflocken!"

Ich schaue auf die Tischplatte und rümpfe die Nase. Die ist ja total verdreckt! Der Kellner bemerkt das Malheur.

"Einen Moment", sagt er und holt ein Tuch. Er wischt über die Platte und verteilt das Fett über den gesamten Tisch. "So, jetzt ist alles sauber."

Er deckt ein. Die Gabel lasse ich zurück gehen, die ist ebenfalls schmutzig.

Ich starre auf das handgeschriebene Angebot. In der Tat preiswert. Genau das richtige Essen, um gegen den Konsumismus zu protestieren. Ich bestelle das Hähnchen.

Der Vogel wird serviert, ganz nach katalanischer Art mit ganzen Zwiebeln in der Marinade. Ich verschlinge das Tier mit Haut und Haar. Natürlich nicht, ohne mir vorher aus den Knochen eine Waffe zu basteln, für den Fall, dass ich Louis Vuitton oder Herrn Seiko persönlich auf der Straße treffe.

Die Rechnung ist erfreulich. Mit Getränken kaum das, was anderswo ein Toilettengang kostet. Auf den verzichte ich übrigens.

Montjuic vom Hafen aus gesehen

Kaum bin ich auf der Hafenpromenade, brummt etwas in meinem Magen. Ich gehe an einem Geldautomaten vorbei. Nimm etwas, sagt mein verantwortungsvolles Ich. Wer weiß, ob du gleich eine Gaststätte benötigst. Aus gewissen Gründen. Du weißt schon, flüstert es, "aseos". 

Ach, ich gehe zur Strandtoilette. Es zieht doch gerade ein Unwetter auf, und da werden nicht mehr so viele Menschen am Strand sein.

Regen in Sicht
Kaum am Strand angekommen, sehe ich, dass es tatsächlich zuzieht. Was nichts am Andrang ändert: Der Strand ist voller denn je, und die Schlange vor den Strandtoiletten zieht sich bis zur französischen Grenze.

Also doch ins Strandrestaurant! Meine Hand legt sich theatralisch auf meinen Bauch. Ich gehe zum Strandrestaurant und hoffe, dass ich mit Kreditkarte zahlen kann. Ich esse Muscheln und trinke katalanischen Schnaps. Selbst im Strandrestaurant eine Schlange vor dem Klo. Mensch, hoffentlich schaffe ich den Strand noch vor dem Regenguss!

Plötzlich merke ich, dass ich die aseos gar nicht brauche. Der pollo, das Hähnchen, war von bester Qualität gewesen und ansonsten fühle ich mich nach neun Tagen Aktivurlaub so fit wie selten zuvor. Und was lernen wir nun daraus? - Dass Barcelona nicht nur eine schöne Stadt ist, sondern auch noch zum Geschichtenerzählen anregt.

Ich springe ins Wasser (die Badehose hatte ich den ganzen Tag an) und genieße das Baden im Meer. Vom Regen kriege ich nur winzige Tropfen ab.
Regenbogen vor dem World Trade Center
Am Strand setze ich meine Ohrhörer auf. Diesmal wähle ich den Titel aus der iTunes-Musikbox selbst aus: "Barcelona" von Freddie Mercury und Montserrat Caballé.

Ich belohne mich am Abend mit einem großen Bier und freue mich auf die Überfahrt nach Saarbrücken am nächsten Tag.

weiter - Die Heimreise

Montag, 5. August 2013

Lost in Translation

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 5 - Madrid - 24.-27.07.13

Ein Knackpunkt bei dieser Reise ist das Thema Babylonische Sprachverwirrung. Wie komme ich im Ausland damit zurecht? Während meines letzten Auslandsaufenthaltes beklagte ich meine eingetrockneten Französischkenntnisse. Diese sind inzwischen besser geworden, wie ich in Paris erleben durfte. Dafür ist mein Englisch eingerostet.

Als ich mich in Paris mit meinem italienischen Mitbewohner in Englisch unterhielt, brachte ich Englisch und Französisch permanent durcheinander. Der andere Mitbewohner sprach bloß argentinisches Spanisch und ein paar Brocken Italienisch. Wenn die beiden sich unterhielten, verstand ich jede Menge, doch sprechen konnte ich noch nichts.

In Barcelona bringe ich meine kümmerlichen Brocken Spanisch mit Englisch und Französisch durcheinander, gemischt mit Saarländisch und meinem Berliner Hochdeutsch. Wie gut, dass ich noch kein Katalanisch beherrsche. Beste Voraussetzungen für Madrid, denke ich, als ich dem Zug entsteige, da kann ja nichts mehr schief gehen.

Die Rezeptionistin im Hostel war zufällig eine junge Deutsche, Madrid schien also multikulti zu sein. Leider war sie für die restlichen drei Tage in Spaniens Hauptstadt die Letzte, die ich traf, die eine Fremdsprache beherrschte. Ich erfuhr auf diese Weise, dass es keinen besseren Ort auf der Welt zum Spanischlernen geben konnte als Madrid - ob man deshalb hier war oder nicht: Denn alle anderen Madrilenen sprachen ausschließlich Spanisch.

Vor 20 Jahren war ich einmal in Italien. Ich musste mal aufs Örtchen, so fragte ich nach der Toilette. Ich benutzte das Wort, das dafür im Wörterbuch als Übersetzung angeboten wurde, das aber wohl seit dem Ersten Weltkrieg kein Italiener mehr benutzt hatte. Man erklärte mir, das richtige Wort sei "Toilette". Mit dieser Erfahrung gesegnet, vermutete ich, dass es in Spanien ähnlich sei.

Höflich fragte ich den Wirt nach der Toilette. Doch der zuckte nur mit den Schultern. Ich behalf mir mit dem universellen Wort "lavabo" (Waschbecken), mit dem ich in Paris und Barcelona Kontakt gehabt hatte, lernte aber für den Rest meiner Tour das richtige Wort, das ich nie wieder vergessen werde: aseos.

Nach vier Tagen Fußmarsch fahre ich lieber erst einmal mit dem Ringbus (Circular 1 und 2) um die Innenstadt herum. Diese Tour kann ich nur empfehlen: Man kommt an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei, muss einmal Pause machen, sie kostet 2 Fahrten mit der Metro-Bus-Karte. Mir fällt auf, dass sich die Gehgeschwindigkeit der Menschen im Vergleich zu Barcelona (ruhiger als Paris) nochmals verlangsamt hat. Die Stadt wirkt, als sei sie eingeschlafen, nahezu komatös. Vielleicht ist es der Jahreszeit geschuldet.

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Stadt mit einer solchen Wohnqualität gesehen. Wenn man über Krise redet, sollte man auch über das Potential reden, über das, was vorher auf Schuldenbasis investiert wurde und nun zur Verfügung steht. Uns Deutschen fällt das schwer, weil wir, evangelisch geprägt, in Schulden die Schuld sehen, eher als die Chance, die Investition.

Typisches Neubau-Wohnhaus in Madrid. Die neu gebauten
Appartementhäuser erkennt man am
roten Backstein nach Londoner Vorbild.

Die Spanier sind in vielem den Deutschen ähnlich. Sie legen Wert auf Ordnung und Sauberkeit (welch willkommene Abwechslung im Vergleich zu dem Uringeruch in Paris). Sie bleiben sogar nachts an der roten Fußgängerampel stehen, ob ein Auto kommt oder nicht, anders als die 64 Millionen schlechten Vorbilder für Kinder zwischen Saarbrücken und dem Pyrenäentunnel, die auch am Tage jene automobilfreie Sekunde ausnutzen, die Pkw-Fahrer benötigen, um in den "Fußgänger-überfahren"-Gang hochzuschalten.

Madrid ist der einzige Punkt der Reise, an dem ich mir Kultur gegönnt habe. Ich besuchte am zweiten Tag meines Aufenthaltes das Königin-Sofia-Museum, in dem bis zum 2.September eine Werkschau Dalís gezeigt wird, dieses großartigen Surrealisten aus Figueres. Das berühmteste Werk des Museums, Picassos "Guernica", vermittelt Gefühle wie Todesangst, Verzweiflung und Schmerz sehr authentisch. Schwierige Themen wie Faschismus und Krieg werden in diesem Museum nicht ausgespart.

Beim Abendspaziergang durch Embajadores und Lavapiés verstärkt sich mein anfänglicher Eindruck, dass die Einwohner von Madrid keinen Wert auf Hektik legen: Entspannt sitzen die Menschen in ihrer "bar" und lassen die Krise an sich vorbeiziehen.

Madrid ist gemütlich und sympathisch, die Menschen sind freundlich zueinander und helfen sich. Will man von einem Ort zum anderen, muss man den Hügel hinauf und kommt dabei an geschlossenen oder leer stehenden Geschäften vorbei. Kurzum: Spaniens Metropole erinnert mich an mein Heimatdorf. Ein großer Kutzhof, mit 4 Millionen Einwohnern. 

Tapas-Bars am U-Bahnhof Tirso de Molina: Übergang vom
sympathisch-gemütlichen Madrid zum Geschäftsviertel.
Je näher man dem Geschäftsviertel kommt, mit seiner aufgeregten Fußgängerzone, dem Prachtboulevard Gran Via mit seinen acht Autospuren, der Plaza Mayor, desto kommerzieller wird denn auch Madrid, und man erlebt, dass es auch hier Tourismus gibt (wenn auch eher aus der spanischsprachigen Welt).

Der Königspalast ist Endpunkt meines Abendspaziergangs.
Im Schlossgarten treffen sich Jugendliche,
aus dem Park hört man Musik.

Wie schon in Paris, so war auch der
letzte Tag in Madrid Park-Tag.
Der riesige Parque de Buen Retiro in Madrid
hält ausreichend Schatten bereit
bei dieser Sommerhitze.

Das Sonnenbad unter Bäumen im Retiro war die richtige Beschäftigung für den mittlerweile fußkranken (Blasen!) Reisenden am Tag vor der Rückreise nach Barcelona. Denn noch war der Urlaub nicht zu Ende...

(wird fortgesetzt...)

Ausflug nach Sitges

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 4 - Sitges - 23.07.13

Eigentlich wollte ich am zweiten Tag in Barcelona mehrere Sehenswürdigkeiten abklappern, doch inzwischen hatte unsere Freundin, die Sonne, die Vierzig-Grad-Marke geknackt, sodass das Vorhaben nicht möglich war, wenn man keinen Sonnenstich riskieren wollte. Also disponierte ich um und nahm die Rodalies (S-Bahn) ins Seebad Sitges.

Bereits die Fahrt dorthin war spektakulär. Es geht durch Felsen, und manchmal direkt übers Wasser.

Wartegleis mit Meerblick.
Blick aus der Rodalies nach Sitges



Sitges ist ne tolle kleine herausgeputzte Stadt mit einem Dutzend aneinanderliegender Strände, auf denen wiederum die Touristen eng aneinanderliegen. 


Am Strand von Sitges liegen manche Mädchen auch oben ohne in der Sonne, um sich nahtlos zu röten. Bilder von ihnen gibt's leider keine (ich verweise auf die einschlägigen Websites), stattdessen eines aus der Bucht:

Ist er der berühmte "Fels in der Brandung"?

Das Geilste was es gibt: Nach dem Sonnen bei 40 Grad
direkt auf der Mole duschen. Der Sonnenbrand danach
war deutlich weniger angenehm...

Ich sammelte in diesem wunderbaren Seebad genug Kraft, am folgenden Tag das letzte Ziel meines Trips anzusteuern:

Die Reise nach Madrid (weiter -)