Freitag, 1. November 2013

Plötzlich und unerwartet

Eine der krassesten Unterschiede zwischen dem Leben in der Provinz und meinem früheren Leben in der Bundeshauptstadt ist, dass ich nun wieder verstärkt die Regionalzeitung meiner Heimat zur Hand nehme, die ich in Berlin zumeist ignoriert habe, auch wenn sie an Bahnhöfen wie Friedrichstraße oder Zoo selbstverständlich zu erhalten war.

Der wichtigste Grund, die Regionalzeitung meiner Heimat zu lesen, ist nicht der politische Scharfsinn, der aus diesem Blatt quillt, und auch nicht die neuesten Infos über den Stadtbezirk (Bezirksrätin X kündigt dies an, Oberbürgermeisterin Y kündigt jenes an, die Finanzierung ist jeweils unklar), den sportlichen Heldentaten des FC oder die genialsten neuen Entscheidungen der Landespolitik.

Es sind die Todesanzeigen.

Wenn man Todesanzeigen liest, fühlt man sich dreißig Jahre älter als wenn man dies nicht tut.
Wenn man in der Provinz lebt, liest man regelmäßig Todesanzeigen.

Die Quintessenz, dass man sich in der Provinz dreißig Jahre älter fühlt, ist nicht falsch, lassen wir hier aber mal außen vor. Warum lese ich hier Todesanzeigen?

In Berliner Zeitungen stehen kaum Todesanzeigen, die wenigsten Einwohner der Stadt haben ihre Wurzeln dort, viele sind nur auf Montage dort (wie die Abgeordneten des Bundestages) oder auf Zeit. Wenn die feurigen Jugendjahre vorbei sind, zieht es viele ins Reihenhäuschen am Rand eines Vorortes ihrer mittelgroßen Heimatstadt.

Hier hingegen leben die Schulfreunde, die Onkel, die Tanten und alle Bekannten und Anverwandten. Hier findet das ganze Leben statt.

Zum Leben gehört der Tod. Je älter man wird, desto mehr muss man aufpassen, dass er nicht zur Hauptsache im Leben wird.

Regelmäßige Leser von Todesanzeigen wissen: Die Einschläge rücken immer näher. Dieser Schulfreund ist tot und jener Cousin. Das Paradox ist, je präsenter die Gefahr wird, nicht mehr lange zu leben, umso besessener wird man vom Sterben.

So manche ältere Frau, die den ganzen Tag übers Sterben nachdenkt, tut dies seit dreißig Jahren. Die merkt gar nicht mehr, dass sie am Leben vorbeigelebt hat. Und das alles nur wegen dieser verflixten regionalen Zeitung mit ihren Todesanzeigen.

Es ist an der Zeit, sich dieses neue Hobby schnell wieder abzugewöhnen und das Zeitungsabo zu kündigen.

Plötzlich und unerwartet.


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PS: Wer's nicht lassen kann, hier gibt's kreative Todesanzeigen zu bestaunen.

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