Mittwoch, 22. Oktober 2014

Propaganda des Alltags

Immer, wenn das Gespräch auf meine Zweitkaffeemaschine im Büro kommt, ein Dolce-Gusto-Automat von Nestlé und Krups, der mit einem Plastikkapsel-System arbeitet, dauert es nicht lange, bis die Kritik kommt. Sie richtet sich seltener gegen den hohen Preis, den man für eine Tasse Kaffee latzt, sondern meist gegen den vermeintlichen ökologischen Frevel.

"Was für eine Verschwendung von Aluminium!" - "Die Kapsel ist aus Plastik!" - "Trotzdem so viel Müll! Meine Senseo-Pads kommen nach ihrer Verwendung auf den Kompost." - "Ich kann die Kapseln recyclen, wenn ich sie vorher aufschneide, um das Wasser herauszulassen. Außerdem schmeckt mir Filterkaffee nicht, weil er die wertvollen Schwebstoffe aus dem Kaffee herausfiltert." - "Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass Filterkaffee gesünder ist als Espresso. Es gab da eine Studie."

Wir Deutschen haben für alles Studien, und diese unterscheiden sich von der seit Jahrtausenden in Südeuropa gelebten Realität massiv. So wurde bewiesen, dass Braten mit Olivenöl Krebs verursacht. Daher solle man das "gute" Sonnenblumenöl oder Rapsöl nehmen. Abgesehen davon, dass in Südeuropa beide Ölsorten so gut wie unbekannt sind und dass die Lebenserwartung dort höher ist als in Deutschland, obwohl die Menschen seit Hunderten Generationen mit Olivenöl braten, sind solche Studien nur hier bekannt.

Mein Versuch, zuhause wenigstens eine politisch korrektere Kaffeemaschine zu verwenden, endete im Desaster. Ich klapperte alle Geschäfte der Region ab, weil ich mich in eine Kaffeemaschine verliebt habe, die aus dem Heimatland des Espresso kommt. Würde uns an der Europäischen Union und dem Euro etwas liegen, hätte ich damit auch eine Unterstützungsmaßnahme für die italienische Wirtschaft unternommen.

Doch, weit gefehlt. In den Geschäften weigerte man sich, mich zu bedienen. Meine Mutter beschwor mich mit Engelszungen unter Zuhilfenahme des bitteren Schicksals meiner Tante, die eine Maschine vom gleichen Typ gekauft habe, die nicht funktioniere, doch ein deutsches Modell zu nehmen. Zwecklos! Ich kaufte bei Amazon.

Ausgerechnet Amazon! Weißt du denn nicht, was das für eine Firma ist? - Doch, eine, die hoffnungsvollen Jungautoren, die der Literaturbetrieb abgelehnt hat, eine Chance zur Veröffentlichung gibt, die diesen Namen verdient. - Aber die beuten doch ihre Mitarbeiter aus! - Ach, und bei Mercedes arbeiten keine Werksvertragsarbeiter?

Es ist zwecklos. Besonders doppelbödig agiert die deutsche Moral, wenn es um ökologische Fragen geht. Da ist eine Dolce-Gusto-Kaffeemaschine eine einzige Umweltsauerei, während das tägliche Pendeln mit dem eigenen Automobil eine ökologisch korrekte Verhaltensweise verantwortungsvoller Mitbürger darstellt.

"Die Preise für den öffentlichen Nahverkehr sind einfach zu teuer. Das kann man doch keinem zumuten." - Klar, wenn man fünfunddreißigtausend Euro für den neuen Golf (der ein Durchschnitts- und Standardautomobil darstellt) bezahlt hat, kann man sich die einsfuffzich für den Bus natürlich nicht mehr leisten.

Man hat sich ja das Recht gekauft, am Pöbel vorbeizufahren, der am verschneiten Bahnhof auf den verspäteten Zug wartet (weil die Bahn in Deutschland chronisch unterfinanziert ist), und neuerdings eben auch auf der Busspur, wenn im Porsche noch eine kleine Elektronikeinheit im Motor eingebaut ist. Welche lebensschädliche Wirkung diese Form des modernen Pendelns mit dem eigenen Auto hat, kann man sich täglich in Saarbrücken ansehen, in dieser hässlichen und vollkommen unbewohnbaren Stadt, in der sich die Automobilabgase täglich zu einem üblen Smog aufstauen.

Den Smog im Übrigen, den hat man aus dem Wortschatz der Deutschen gekillt (außer, wenn er in China vorkommt). Davon redet heute niemand mehr, nachdem die Autoindustrie vermutlich den Zeitungsverlagen mit dem Zurückziehen von Anzeigen gedroht hat.

Die Propaganda des Alltags ist wirksam: Gut ist, was aus deutschen Unternehmen kommt. Schlecht ist, was aus Südeuropa kommt.

Und für alles, was es zu beweisen gilt, gibt es Studien.