Sonntag, 25. Januar 2015

Besuch bei Max Ophüls

Eine der Schokoladenseiten an Saarbrücken ist das Max-Ophüls-Festival. Jahr für Jahr müssen sich angehende Filmschaffende, die noch vor ihrer Karriere stehen, hier bei uns vor Ort beweisen.

Saarbrücken ist ein guter Ort, die überschaubare Größe der Stadt passt zum Level, auf dem sich die Karriere der meisten Filmschaffenden, die Wettbewerbsbeiträge eingereicht haben, befindet. Man hat wegen der begrenzten Stätten, an denen Veranstaltungen stattfinden, als Künstler und Kunstmanager wunderbare Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, während sich in Berlin ja irgendwie alles verläuft.

Wir als Publikum freuen uns. Die Säle, in denen ich gesessen und auf den Film gewartet habe, waren proppevoll. Wo sonst füllen Arthouse-Streifen Multiplexhäuser?

Es schien beim diesjährigen Festival ein übergreifendes Thema zu geben: Gewalt im Zusammenhang mit Adoleszenz. Gewalt einer Jugendlichen an sich selber ("About a girl"), Gewalt von Erwachsenen und Gleichaltrigen an Jugendlichen ("Freistatt", "Chrieg"), Gewalt eines Abiturienten an seiner Klassenkameradin ("Das Hotelzimmer"), Gewalt einer heranwachsenden Frau an der gesamten Gesellschaft ("Die bleierne Zeit").

Diese fünf Filme habe ich mir angesehen. Ich fand sie allesamt genial umgesetzt, auch wenn mich speziell der Gewinnerbeitrag "Chrieg" aus der Schweiz rasend aggressiv gemacht hat. Dennoch Gratulation in die Eidgenossenschaft, auch an den noch jugendlichen Gewinner des Preises für Nachwuchsdarsteller Benjamin Lutzke. Es scheint mir eine üble Zukunftsvision, ein Bootcamp in den Bergen, in dem der aggressivste Jugendliche die Macht an sich reißt und eine Terrorbande gründet, der sich der Protagonist notgedrungen anschließt.

Besser organisiert war da schon die Diakonie "Freistatt", die in den Sechziger Jahren Jugendliche, die sonst keiner haben wollte, in einer Art Kinder-Arbeitslager gequält hat. Besonders berührend fand ich den Auftritt von Wolfgang Rosenkötter, auf dessen Erlebnisse der Film basierte.

Terror politischer Art bot der Vintage Streifen "Die bleierne Zeit" aus dem Jahr 1981. Ehrengast Margarethe von Trotta erinnerte sich an die Anfänge feministischen Schaffens im deutschen Filmgewerbe. Im Film geht es um die Schwester einer Attentäterin, die Gudrun Ensslin zum Verwechseln ähnlich sieht.

Im "Hotelzimmer" schließlich kocht ein Konflikt hoch, der über Jahre verdrängt war und an den sich niemand so richtig erinnern kann. Zwei Stunden haben die beiden Protagonisten Zeit, in diesem engen Raum ihr Verhältnis zueinander zu klären.

"About a girl" schließlich entpuppt sich als harmloses, aber höchst unterhaltsames Coming-of-Age-Spektakel, bei dem der Suizidversuch der Protagonistin fast der einzige Einbruch von Tragik bleibt. Ein Film, der mit der Realität letztlich versöhnt und sehr viel Spaß gemacht hat. Auch in diesem Jahr wieder eine grandiose Leistung von Jasna Fritzi Bauer, die vor 2 Jahren für "Scherbenpark" den Nachwuchsdarstellerpreis erhalten hat.

Dass die Filme, die gezeigt werden, in der Regel verstören, damit muss man leben. Das ist die Aufgabe des Arthouse-Kinos.

Vielleicht noch ein Wort zum Erlebniswert des Max-Ophüls-Filmfestivals: Ich habe ja bekanntlich früher in Berlin gelebt. Dort ist ein wichtiges Filmfestival, die Berlinale, zuhause. Doch habe ich diese regelmäßig besucht, um mir die Filme anzusehen? Nein, denn von diesen Filmen werden früher oder später die meisten den Weg in reguläre Kinos schaffen. Um die neuesten Hits aus Hollywood zu sehen, brauche ich aber kein Festival.

Deshalb bin und bleibe ich der Meinung, dass das Max-Ophüls-Festival wesentlich attraktiver ist als größere Veranstaltungen dieser Art. Denn manchmal sind wir die Einzigen, die einen Film sehen können, der so niveauvoll ist, dass er schon bald in der Versenkung verschwindet. So schade es ist. Aber so ist der Markt. Und manche Perle des Films bleibt uns somit exklusiv als Erinnerung.

Ich freue mich schon jetzt auf die Perlen des nächsten Jahres.

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